Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

7.      Gott, das große Geheimnis
7.1    Das Gottesbild im Christentum
7.1.2 Das Problem der Theodizee

Wer hat es nicht schon einmal erleben müssen, dass ein Mensch aus tiefster Verzweiflung heraus aufschrie: "Wie konnte Gott dies nur zulassen?", wenn er von unsagbarem Elend und Leid niedergeschmettert war! Ich kenne sogar Menschen, die an diesem Widerspruch zerbrochen sind und Gott aus ihrem Leben gestrichen haben.

So verständlich diese Reaktion auch sein mag, beurteilt man sie nach objektiven Maßstäben, so bleibt dieser Mensch mit seinen bitteren Vorwürfen gegen Gott immer im Unrecht. Nicht, als müsste er befürchten, dass Gott ihm diesen elementaren Gefühlsausbruch etwa übel nähme, nein, dies hieße, allzu gering von Gott zu denken! Ebenso hatte sich auch schon Hiob mit dem Herrn auseinandergesetzt, weil das Unheil, das ihn getroffen hatte, schier unerträglich war. Und Gott hatte auch diese Auseinandersetzung nicht zurückgewiesen. Gott steht vielmehr auf Seiten des Verzweifelten, auch wenn dieser sich, objektiv gesehen, Gott gegenüber ins Unrecht setzt.

Bedenken wir doch einmal unseren Standort! Wie kann ich aus meinem Leid heraus Anklage erheben gegen Gott, dem ich alles, aber auch rein alles verdanke, und dem ich selbst im allergrößten Leid noch Dankbarkeit, Liebe und Gehorsam schulde! Nein, so geht es wirklich nicht! Objektiv gesehen stehe ich Gott gegenüber immer nur mit leeren Händen da.

Dennoch bleibt diese Frage bestehen, wieso denn Gott all das Leid zulassen konnte und überall auf der Welt immer wieder zulässt. Aber es geht hierbei nicht darum, dass Gott etwa nicht das Recht hierzu hätte. Der Gedanke allein ist schon absurd, als Mensch es zu wagen, wegen dieses Leides Vorwürfe an Gott zu richten, sich zu erkühnen, Forderungen an Gott zu stellen oder ihm in irgendeiner Weise Vorschriften machen zu wollen. Nein, Gott ist und bleibt selbstverständlich vollkommen frei in seinen Entschlüssen, und wir besitzen ihm gegenüber nicht die mindesten Ansprüche, weder faktisch noch moralisch. Das Problem liegt auf einer anderen Ebene. Es geht hierbei ausschließlich um einen logischen Widerspruch, der in diesem unserem üblichen Verständnis von Gott möglicherweise liegen könnte, indem wir von Gott sagen, dass seine Liebe, Güte und Barmherzigkeit übergroß sind, wir aber trotz seiner Allmacht dieses Leid beobachten müssen. Nicht um das Verhalten Gottes geht es, es geht ausschließlich um unsere traditionelle Vorstellung von Gott, um unsere Beschreibung von "Eigenschaften" Gottes. Es geht einzig und allein um die Frage, die der Mensch als denkendes Wesen sich vorlegt, wieso es denn überhaupt denkbar sei, dass Gott dies mit seinem Gott-Sein vereinbaren kann. Nicht also, indem er über Gott urteilt, was ihm ja nie und nimmer zukommt, sondern, indem er fragt nach dem Wesen Gottes, das ihm in dieser Frage des Leides derart unverständlich erscheint.

Nur so kann man diese Frage stellen. So muss man sie sogar stellen. Wenn man dies aber tut, und wenn man hierbei konsequent weiterdenkt, dann stellt man mit Erstaunen oder auch mit Erschrecken fest, dass man sein bisheriges Gottesbild in wesentlichen Punkten überprüfen, wenn nicht gar revidieren muss. Die Synthese der zwei Komponenten einer unendlichen Macht und einer unendlichen Liebe in einem einzigen Gottesbild führt angesichts der Realität des Leides zu schwerwiegenden Widersprüchen. Man spricht in diesem Zusammenhang vom Problem der Theodizee.

Wenn Gott allmächtig ist im vollen Sinne dieses Wortes, und wenn er außerdem gleichzeitig von unendlicher Liebe beseelt ist, ebenfalls im vollen Sinne dieser Formulierung, woher kommt dann eigentlich all dieses unsagbare Leid, dem manche Menschen ausgesetzt sind, wie wir allenthalben beobachten können. Wir sehen das Leid, grausiges Leid, unermessliches Leid. Wir selbst mögen vielleicht sogar davon verschont worden sein, aber anderswo, zu anderen Zeiten, bei anderen Menschen nimmt dieses Leid bisweilen unmenschliche Dimensionen an. Denn verborgen kann Gott das Leid doch wohl nicht geblieben sein, wenn wir annehmen, er sei nicht nur allmächtig, sondern darüber hinaus ebenfalls allwissend.

Ich kann mir durchaus einen allmächtigen Gott vorstellen, der das Leid in unserer Welt zulässt. Es gibt natürlich auch nicht den mindesten Zweifel, dass er das Recht hierzu besitzt. Dieser Gott könnte durchaus allwissend, gerecht und weise sein, und wie diese Attribute noch alle lauten mögen, die wir Gott üblicherweise zusprechen. Nur eine Eigenschaft könnte er dann nicht besitzen, das wäre die Eigenschaft einer vollkommenen Liebe.

Ich kann mir allerdings auch einen Gott vorstellen, der von unendlicher Liebe beseelt ist und trotzdem das Leid in der Welt zulässt. Auch könnte dieser Gott allwissend, gerecht und weise sein, und wie die Attribute alle lauten mögen, die wir Gott üblicherweise zusprechen. Nur eine Eigenschaft könnte er dann nicht mehr besitzen, das wäre die Eigenschaft der Allmacht.

Natürlich könnte dieser Gott durchaus eine unvorstellbar große Macht besitzen, das ist überhaupt keine Frage. Der Begriff der Allmacht jedoch besagt wesentlich mehr, als es etwa die Aussage einer unvorstellbar großen Macht ausdrückt. Das Wort Allmacht besagt nämlich, dass die Macht Gottes überhaupt keinerlei Grenzen besitzt. Und die könnte er in diesem Fall dann nicht besitzen.

Die ganze Problematik der Theodizee beruht zu einem wesentlichen Teil darauf, dass hier mit Begriffen der Unendlichkeit hantiert wird. Wenn jedoch ein unendlicher Posten in Relation zu einem anderen ebenfalls unendlichen Posten gesetzt wird, ist das Ergebnis vielfach unklar. Um dies zu veranschaulichen, will ich nicht etwa die höhere Mathematik bemühen, vielmehr bringe ich ein ganz triviales Beispiel.

Als Kinder fragten wir gleichsam im Spiel: "Kann Gott einen Stein schaffen, der so groß ist, dass er ihn selbst nicht bewegen kann?" Gleichgültig, wie die Frage beantwortet wurde, jedes Mal argumentierten wir, dass es etwas gäbe, was Gott nicht kann, entweder das Schaffen oder das Bewegen dieses Steines. Also sei Gott nicht allmächtig. Der Fehler in dieser kindlichen Argumentation ist nur allzu offensichtlich. Dies war uns schon als Kindern klar. Doch obwohl das Problem der Theodizee auf einer wesentlich höheren Ebene liegt, mag hier eine entfernte Ähnlichkeit vorliegen. In beiden Fällen werden Fähigkeiten und Eigenschaften Gottes zueinander in Relation gesetzt, was zu überraschenden und unbefriedigenden Ergebnissen zu führen scheint.

Man glaube nun nicht etwa, es sei bereits alles damit getan, dass man die Lehre von der Allmacht Gottes ein klein wenig relativiert, und die Probleme um unsere Gottesvorstellungen seien damit sämtlich aus der Welt geschafft. Andere Aussagen über Gott, die uns bisher noch wie selbstverständlich von den Lippen gehen, enthalten ebenfalls nicht unbeträchtlichen Zündstoff.

Es beginnt, wen wundert es, mit der Lehre von der Allwissenheit Gottes. Die hiermit verbundene Problematik, die natürlich ebenfalls schon seit langem bekannt ist, möge hier nur leicht angedeutet werden. Wenn also Gott in seiner Allwissenheit bereits heute weiß, was ich morgen tun werde, wenn also mein morgiges Tun für Gott bereits heute eindeutig feststeht, wo bleibt dann noch meine vielgerühmte Freiheit, und wo meine Verantwortung? Wenn er bereits von Ewigkeit her alles gewusst hat, lange, bevor er auch nur den ersten Menschen geschaffen hat, dann hat ja bereits damals jegliches Geschehen auf der Welt im voraus festgestanden. Dann sind wir Menschen ja nichts anderes als Marionetten, dann konnte ja niemand anders handeln, als er es getan hat! Wenn wir also dem Menschen auch nur einen Funken Freiheit zuerkennen, und wenn wir ihn für sein Tun auch für verantwortlich halten wollen, dann gibt es für uns deutliche Probleme mit der traditionellen Lehre von der Allwissenheit Gottes.

Auf anderen Fachgebieten ist es auch schon geschehen, dass man auf unerwartete Widersprüche gestoßen ist. In der Physik gab es das Dilemma mit der Lichtgeschwindigkeit, das erst Albert Einstein (1879-1955) mit seiner Relativitätstheorie hat auflösen können. In der mathematischen Logik und Grundlagenforschung stieß Bertrand Russell (1872-1970) auf die nach ihm benannte Russel'sche Antinomie (siehe 4.6 Probleme philosophischer Lösungsversuche). Auch dies führte zu der Notwendigkeit, bestimmte grundsätzliche Gesetze der Logik zu überarbeiten. Man könnte weitere Beispiele anführen.

Aber selbst revolutionäre neue Erkenntnisse haben nur selten dazu geführt, dass man das Bisherige ersatzlos zu streichen hatte. Zumeist genügte es, bestimmte Modifikationen anzubringen, bei denen das Bewährte erhalten blieb, und bei denen trotzdem die neuen Erkenntnisse, die zunächst nach einem totalen Bruch aussahen, voll zur Geltung kamen. Daher habe ich auch hier überlegt, welcher Ansatz sich mir anbietet, der die Widersprüche zwar auflöst, dennoch aber so weit wie möglich den christlichen Glauben in seiner Grundsubstanz unangetastet lässt. Auch bei der Behandlung der Theodizeefrage mag es sinnvoll sein, bestimmte Modifikationen anzubringen, bei denen das Bewährte erhalten bleibt.