Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

6.      Lehre
6.4    Kritische Überlegungen zu einigen Punkten
         aus der Lehre der Kirche

Nachdem ich bisher einige Überlegungen zu der Institution der Kirche angestellt habe, geht es mir nunmehr um einzelne Lehrinhalte. Die Lehre der katholischen Kirche basiert natürlich auf der Offenbarung der Heiligen Schrift. Diese Offenbarung wurde von der Kirche in vielfältiger Hinsicht interpretiert, erweitert und verändert. Hier will ich einige konkrete Lehrinhalte anführen, die mir nicht ohne weiteres einleuchten. Hierbei habe ich solche Punkte aufgegriffen, die über die Aussagen der Heiligen Schrift hinausgehen, aber auch solche, die dies zwar nicht tun, meines Erachtens dort aber möglicherweise nur einen symbolischen oder bekennenden Charakter besitzen, von der Kirche aber eher als dogmatische Fixierung gelehrt werden. Auch lehne ich diese Aussagen nicht direkt ab, vielmehr halte ich es für sinnvoll, in dem einen oder anderen Fall darüber nachzudenken und das jeweilige Thema zu reflektieren. Indem ich hierbei speziell die katholische Kirche betrachte, lasse ich offen, wie andere Konfessionen und Religionen zu betrachten sind.
Mir blieb vielfach unklar, woher die Kirche die Aussage nimmt, dass Jesus die zweite Person Gottes sei. Liest man dagegen aufmerksam die Evangelien, so habe ich den Eindruck, daß Jesus sich selbst kaum für Gott gehalten haben könne und dass auch die ersten Jünger nicht dieser Ansicht gewesen seien. Erst Paulus, der unter den Nichtjuden missionierte und mit dem Gedankentum des antiken Heidentums vertraut war, soll diesen Gedanken aufgebracht haben. Natürlich, in einer Welt, in der weithin Vielgötterei herrschte, in der schon lebende Menschen wie der Kaiser als Gott verehrt wurden, mochte die Bedeutung Jesu so schon etwas angehoben werden. Aber Gott zu sein im wahren Sinn des Wortes, trifft dies wirklich auf Jesus zu?
Nach dem Markusevangelium scheint Jesus dagegen weder die Allmacht, noch die Allwissenheit, noch die überragende Güte Gottes besessen zu haben. Denn zu dem Jüngling, der ihn mit den Worten "Guter Meister" angesprochen hatte, sprach Jesus:

Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.
Mk 10,18; ähnlich Mt 19,17

Und vom jüngsten Tag sagt er:

Jenen Tag aber und jene Stunde kennt niemand,
weder die Engel im Himmel noch der Sohn,
sondern nur der Vater.
Mk 13,32

Und über Jesu Besuch in Nazareth schreibt Markus:

Er konnte dort keine Wunder wirken,
nur daß er einigen Kranken seine Hände auflegte und sie heilte.
Mk 6,5

Auch ist es nicht allein Jesus, der in der Heiligen Schrift als Sohn Gottes bezeichnet wird. Bereits der Stammvater Jakob wird im Alten Testament als Sohn Gottes bezeichnet (Gen 32,29 und Ex 4,22). Auch das Volk Israel erhält vielfach die Bezeichnung Söhne Gottes (z.B. Dt 32,5). In den Psalmen ist sogar von anderen Göttern die Rede, so zum Beispiel:

Gott tritt auf in der Götterversammlung, inmitten der Götter hält er Gericht.
Ps 8,21

Ich hätte gedacht: "Ihr seid Götter und lauter S¨hne des Höchsten."
Ps 82,6

Wenn also Jesus als Sohn Gottes bezeichnet wird, muss dies, so argumentiert nach Joh 10,34-38 bereits Jesus selbst, dann wirklich die Bedeutung haben, die wir dieser Aussage heute üblicherweise zumessen? Auch der Bericht von der Versuchung Jesu (Mt 4,1-11) und der Hinweis "Christus war ohne Sünde" (2 Kor 5,21) scheint mir in keiner Weise mit der Gottheit Jesu vereinbar zu sein. Denn trotz der Menschheit Jesu scheint mir bereits seine Versuchung zur Sünde ein absoluter Widerspruch zur Gottheit Jesu zu sein, denn Sünde wäre ja dann gleichsam eine Auflehnung gegen sich selbst.

Selbst das Sakrament der Eucharistie ist schon in Verdacht geraten, auf Paulus zurückzugehen, der diese Idee aus heidnischen Mysterienkulten entlehnt hätte. Im Neuen Testament wird zwar von allen vier Evangelisten bezeugt, dass Jesus mit seinen Jüngern das so genannte Abendmahl gehalten hat. Unklar jedoch bleiben für mich die näheren Umstände. Markus, der älteste Evangelist, und auch Matthäus sprechen in ihrem Evangelium nur einer einzigen Eucharistiefeier, eben von derjenigen, die Jesus mit seinen Jüngern gehalten hat. Von einem Auftrag Jesu, diese Feier zu wiederholen, was in diesem Zusammenhang ja doch das Wesentlichste wäre, vermerken diese beiden Evangelisten kein Wort. Der Evangelist Johannes beschreibt das Abendmahl sogar am ausführlichsten. Sein Bericht über das Abendmahl ist fast dreimal so umfangreich wie die Berichte der übrigen Evangelisten zusammengenommen. Er aber erwähnt von der eigentlichen Eucharistiefeier nicht ein einziges Wort. Nur Lukas als Einziger unter den Evangelisten spricht davon, dass; Jesus nicht nur die Eucharistie mit seinen Aposteln gefeiert habe, sondern dass er darüber hinaus auch noch ihnen gegenüber geäußert haben soll: "Tut dies zu meinem Andenken." (Lk 22,19), was in der Kirche als die Einsetzung des Sakramentes der Eucharistie gilt.

Nun habe ich Lukas nicht gerade als den verlässlichsten der Zeugen angesehen. Ich habe bereits erwähnt, dass in seinen Schriften eine Anzahl von Widersprüchen enthalten ist. Auch ist es Lukas, der in seiner Apostelgeschichte ausführlich von Paulus berichtet, denn zwei Drittel der Apostelgeschichte handeln von Paulus. Und Paulus war es auch gewesen, der lange vor Abfassung der Evangelien als Erster über die Einsetzung der Eucharistie berichtet, wenn auch nur in einem einzigen seiner Briefe (1 Kor 11,23-25). Dabei war Paulus nun wirklich kein Augenzeuge. Aber selbst Paulus denkt möglicherweise weniger an eine reelle Wandlung des Brotes und Weines in Jesu Leib und Blut, wie es die Kirche heute versteht. Vielmehr ging es hierbei anscheinend immer noch um ein der körperlichen Sättigung dienendes Mahl, wie besonders die nachfolgenden Verse zeigen (1 Kor 11,33-34). Die Vorstellung von der reellen Verwandlung des Brotes und Weines in Jesu Leib und Blut wurde überhaupt erstmals von einer gnostischen Sekte, also von so genannten Ketzern, entwickelt. Sie wurde von dem Kirchenvater Irenäus, dem Vater der katholischen Dogmatik, etwa um das Jahr 200 noch aufs schärfste verdammt. In der Folge wurde noch Jahrhunderte über diese Frage gestritten. Erst im Jahre 1215 wurde diese ehemalige Irrlehre auf dem vierten Laterankonzil unter Papst Innozenz III zum Dogma erhoben.

Doch selbst dann, wenn man diesen Bericht uneingeschränkt zugrunde legt, bleinen noch Fragen offen. Was meinte Jesus mit den Worten: "Das ist mein Leib, das ist mein Blut"? Meinte er wirklich das Brot und den Wein, oder dachte er etwa an die Gemeinschaft der Versammelten, die seinen Leib verkörpern? Und worauf bezieht sich die Aufforderung: "Tut dies zu meinem Andenken", auf die so genannten Wandlungsworte oder auf das Versammeln und Teilen der Speise? Ebenso sagt Jesus denn auch an anderer Stelle:

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
Mt 18,20

Ein anderer Themenkomplex, über den ich mir Gedanken gemacht habe, ist die Frage nach Sünde und Schuld, dem Thema der Hölle sowie der Erlösung durch Jesus. Die Begriffe "Gut" und "Böse" sind doch zunächst rein menschliche Begriffe. Primär verstehen die Menschen unter "Gut" das, was der menschlichen Gemeinschaft nützt, und unter "Böse" das, was der menschlichen Gemeinschaft einen Schaden zufügt. In der weiteren Ausprägung dieser Begriffe formuliert man Ziele dieser menschlichen Gemeinschaft und bezeichnet in logischer Konsequenz nunmehr das als gut, was diese Ziele unterstützt, und als böse das, was diese Ziele beeinträchtigt. Indem aber diese Ziele selbst sich im Laufe der Zeit gewandelt haben, haben sich gleichzeitig auch die Begriffsinhalte von gut und böse mit verändert.So galt es zum Beispiel früher in gewissen Gegenden als eine gute und lobenswerte Tat, einen Tiger zu töten, da dieser Tiger als eine große Gefahr für die Menschen angesehen wurde. Heute hingegen gilt das Erschießen eines Tigers als böse, denn heute ist man bestrebt, diese vom Aussterben bedrohte Tierart zu erhalten. So führt also der stete Wandel dieser menschlichen Zielsetzungen zu einer ständigen Veränderung der Begriffsinhalte von gut und böse.

In unserem Kulturkreise leben keine Tiger in freier Natur. Verschiebungen des Beurteilungsmaßstabes für gut und böse, die uns besonders auffällig erscheinen, mögen bei uns beispielsweise auf dem Gebiet der Ehemoral liegen. So weiß niemand, ob Jesus bei der heutigen Stellung der Frau eine Scheidung ebenfalls als verwerflich bezeichnet hätte. Ebenso hat man auch die Frage der Empfängnisverhütung zu solchen Zeiten noch mit ganz anderen Augen angesehen, da man auf einen möglichst zahlreichen Nachwuchs angewiesen zu sein glaubte, während wir heute bereitsmit dem Problem der Überbevölkerung zu kämpfen haben.

Man sieht also deutlich, dass unsere Begriffe gut und böse vielfach nicht objektiv und in abstrakter Form festgelegt werden, sondern sich ausschließlich am Menschen und an den Zielen der Menschen orientiert. Das Interesse etwa der Tierwelt oder des Pflanzenreiches wird jeweils nur insoweit indirekt mit erfasst, als es zufällig vom Zielkranz der Interessen der menschlichen Gesellschaft getroffen wird. Allein die Tatsache der Definition solcher Begriffe wie gut und böse offenbart gleichzeitig eine gewisse Ohnmacht dieser menschlichen Gemeinschaft, denn ihre Ziele können ja durch bestimmte Handlungen, die sie deshalb ja auch als böse definiert hat, empfindlich gestört werden.

Für Gott kann gut und böse sicher nicht diese soeben beschriebene Bedeutung haben, denn kein Mensch und auch kein anderes Wesen ist in der Lage, den Willen Gottes ernstlich zu stören oder seine Pläne auch nur im Mindesten zu beeinträchtigen. Selbst dann, wenn man den Begriff der Allmacht Gottes zu relativieren bereit ist, seine Macht steht zweifellos immer noch derart hoch über allem menschlichen Streben, dass ein jegliches menschliches Fehlverhalten seine Pläne absolut unberührt lassen dürfte. Daher ist es zwar leicht zu verstehen, dass eine im oben dargelegten Sinne böse Handlung einen Menschen durchaus erzürnen kann. Aber wieso sollte es einem Menschen möglich sein, den Zorn Gottes zu erregen?

Es ist für mich also gar nicht ohne weiteres einzusehen, warum Gott den Menschen überhaupt nach gut und böse beurteilen sollte. Doch wenn dies tatsächlich der Fall wäre, dann vielleicht weniger nach den von der Kirche als unveränderlich angesehenen, sondern nach verändelichen, dem jeweiligen Wohl der Menschheit dienenden Kriterien. Denn für sich selbst benötigt Gott vom Menschen nichts. Aber erst dann, wenn es feststünde, dass Gott den Menschen nach gut und böse beurteilt, erst dann stellte sich die Frage, ob er nämlich das Gute belohnt und das Böse bestraft. Er könnte nämlich natürlich eben so gut gleichermaßen begnadigen oder alle gleichermaßen mit dem Tode ins Nichts zurückfallen lassen.

Manche Theologen sprechen in diesem Zusammenhang vonGottes Gerechtigkeit, die sie als absolut und unendlich beschreiben. Doch was soll der Begriff Gerechtigkeit für Gott bedeuten? Gerechtigkeit ist doch lediglich eine Norm. Und wenn der unendliche Gott um seiner eigenen Gerechtigkeit willen genötigt sein sollte, trotz seiner sonstigen, ebenfalls unendlichen Güte und Barmherzigkeit den Übeltäter mit der Hölle zu bestrafen, so hieße dies doch, dass selbst Gott unter dieser Gerechtigkeitsnorm stünde, dass also diese abstrakte Norm Macht hätte über Gott. Diese in meinen Augen ohnehin schon befremdliche Auffassung wird von der Kirche noch bekräftigt durch die weitere theologische Annahme, dass die unendliche Beleidigung, die der Mensch Gott zugefügt hat, nur durch ein Opfer von unendlicher Größe gesühnt werden konnte, und dass ein derart großes Opfer nur durch Gott selbst, eben durch Christus, den Sohn Gottes, dargebracht werden konnte. Steht denn der formale Begriff von Gerechtigkeit höher als Gott selbst? Sind solche Vorstellungen von Gerechtigkeit, Sünde und Erlösung, die die Kirche da übernommen hat, nicht ihrem Ursprung nach heidnisches Gedankengut, Relikte ehemaliger Naturgottheiten, denen zwar übermenschliche Kräfte, gleichzeitig jedoch menschliche Leidenschaften zugeschrieben wurden! Sollte man sich Gott nicht wesentlich größer und reiner vorstellen? Darüber mag man durchaus nachdenken. Diese Überlegungen, die den Gedanken nahelegen, dass Gott für uns Menschen weder Hölle noch Fegefeuer bereithält, ändern jedoch nichts an der Tatsache, dass ich nach wie vor die Frage nach Gott als das wichtigste Anliegen für mein Leben ansehe.

Es gibt noch eine Vielzahl ähnlicher Ansatzpunkte, bei denen unsere Schultheologie durchaus in Verlegenheit geraten mag und einige ihrer Lehren durchaus geeignet erscheinen, relativiert zu werden. Der Mensch kann das Heilige,er kann Gott, er kann Erkenntnisse und Offenbarungen über ihn nicht etwa besitzen oder gar darüber verfügen, dies würde ja an Magie grenzen.Ich aber will mit den Worten der heiligen Theresa von Avila bekennen:

Gott ist so groß, dass er es wohl wert ist, dass wir ihn ein Leben lang suchen.

Die Betonung liegt meines Erachens auf dem Wort "suchen", womit auszuschließen ist, dass wir ihn bereits gefunden hätten.