Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

6.      Lehre
6.2    Anspruch und Legitimation
6.2.5 Der Anspruch auf Unfehlbarkeit

Die katholische Kirche behauptet, selbst unfehlbar zu sein. Sie verlangt von ihren Gläubigen, dass sie alle Dogmen, die die Kirche in ihrer Geschichte jemals aufgestellt hat, ebenfalls zu glauben haben. Ob diese Unfehlbarkeit nun der einen Person des Papstes allein oder ob sie lediglich der Kirche als Ganzes zugeschrieben wird, macht zwar erhebliche Unterschiede, wenn man die Unfehlbarkeit des Papstes polemisch ausschlachten will, birgt aber in der Sache nur geringe Unterschiede.

Ich will dies ein wenig verdeutlichen. Für die grundsätzliche Beurteilung des Problems erscheint es mir letztlich zweitrangig zu sein, welcher Instanz die Trägerschaft dieser Unfehlbarkeit zugeschrieben wird. Das Hauptproblem sehe ich in dem Begriff der Unfehlbarkeit selbst, weil dieser Begriff keinerlei Ausnahme zulässt. In unserem Fall bedeutet dies: Wenn die Instanz, die Träger dieser angeblichen Unfehlbarkeit ist, bei der Abgabe eines als unfehlbar geltenden Urteils auch nur ein einziges Mal geirrt hätte, und sei es in einer noch so unwesentlichen Frage, dann wäre sie nicht mehr unfehlbar.

Natürlich sind auch der katholischen Kirche in ihrer langen Geschichte eine Reihe von Irrtümern unterlaufen. Das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verlangt fü das Zustandekommen dieser Unfehlbarkeit jedoch, dass es sich um eine Frage der Glaubens- oder Sittenlehre handelt und die Entscheidung als endgültig und verpflichtend verk&uunl;ndet wird, was übrigens in den mehr als hundert Jahren seit der Unfehlbarkeit nur zwei Mal geschehen ist. Dennoch aber bleibt bestehen: Wenn die katholische Kirche in ihrer Geschichte in einem entscheidenden Punkt auch nur ein einziges Mal eine derartige endgültige Entscheidung getroffen hätte, die sachlich falsch war, dann wäre damit bereits das Dogma von der Unfehlbarkeit hinfällig.

Wenn von der Unfehlbarkeit die Rede ist, dann richtet sich die Aufmerksamkeit fast immer nur auf die katholische Kirche und das bereits genannte Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Nur selten wird hierbei ausreichend beachtet, dass das Anliegen der Unfehlbarkeit keineswegs ausschließlich eine Frage für die katholische Kirche ist, sondern dass dieses Problem im Grunde alle Kirchen und sogar auch andere Religionen betrifft.

In der katholischen Kirche stellt der Papst eine Instanz dar, die unfehlbare Entscheidungen zu treffen befugt ist. So sehr auch die evangelischen Kirchen über diese Unfehlbarkeit verärgert sind, auch sie kennen mindestens eine Instanz, der diese Unfehlbarkeit zugebilligt wird. Sie sehen eine solche Instanz weitgehend im geschriebenen Wort der Heiligen Schrift. Ebenso kennen auch die orthodoxen Kirchen mindestens eine derartige Instanz. Sie berufen sich in diesem Zusammenhang neben der Heiligen Schrift zumeist auf die Entscheidungen der ersten Konzilien. Selbst in den nichtchristlichen Religionen sind unfehlbare Instanzen anzutreffen. Im Islam zum Beispiel wird der Koran als unfehlbare Instanz angesehen. Allenthalben findet man also Aussagen, denen Unfehlbarkeit zugeschrieben wird.

Die Probleme, mit denen man sich auseinandersetzen muss, wenn man die Heilige Schrift als unfehlbar ansieht, habe ich bereits besprochen. Die evangelischen Kirchen, die sich ja weitgehend auf die Schrift stützen, müssen mit diesem Problem leben. Die hiermit verbundenen Schwierigkeiten sind zwar nicht gering, können aber überwunden werden. Die orthodoxen Kirchen haben es da vielleicht etwas einfacher. Zwar stehen auch sie auf dem Boden der Heiligen Schrift und der ersten Konzikien, die ja als allgemeine Konzilien auch von den evangelischen und katholischen Christen anerkannt werden. Sie jedoch betonen teilweise nicht so sehr die Lehre, sondern legen das Schwergewicht eher auf die liturgischen Formen sowie auf das rechte Tun. Sie klammern sich nicht so sehr an das Dogma.

In der katholischen Kirche wird aber nicht nur dem Papst, sondern auch dem ordentlichen Lehramt diese Unfehlbarkeit zugeschrieben. Denn auch dann, so lehrt die katholische Kirche, wenn eine Lehre zwar nicht vom Papst als unfehlbar verkündet wurde, wenn aber die katholische Kirche auf der ganzen Welt in Einvernehmen mit dem Papst eine Lehre als verbindlich verkündet, dann gilt auch diese als unfehlbar. So hat Hans Küng in seinem Buch "Unfehlbar? Eine Anfrage" das Dilemma der katholischen Kirche in der Frage der Unfehlbarkeit am Beispiel der katholischen Ehemoral (Empfängnisverhütung) aufgezeigt. Zwar lag in diesem Fall keine konkrete Lehrentscheidung eines Papstes vor, wohl aber eine kontinuierliche Lehre der Gesamtkirche über eine lange Zeit hinweg. Und obwohl heute das Problem der Überbevölkerung von manchen Seiten als das Weltproblem nr. 1 angesehen wird, obwohl also Empfängnisverhütung geradezu als unbedingt notwendig erscheinen mag, obwohl Papst Pau VI eine bischöfliche Konferenz mit der Prüfung der Frage einer eventuellen Aufhebung dieses Verbotes betraute und obwohl die Bischöfe mit 9 zu 3 Stimmen für eine Aufhebung stimmte, Papst Paul VI sah sich seinerzeit nicht in der Lage, frühere Entscheidungen der katholischen Kirche, in denen die Methoden zur Familienplanung als schwere Sünde gebrandmarkt wurden, rückgängig zu machen. Er hätte es vielleicht gerne getan, er sah die pastoralen Probleme, er konnte es jedoch anscheinend nicht, mancher würde sagen, trotz besseren Wissens. Aus der Macht einer Unfehlbarkeit wurde Ohnmacht.

Mir liegt es fern, in der Sache selbst Stellung zu beziehen. Mir kommt es lediglich darauf an, zu zeigen, dass der Anspruch einer Unfehlbarkeit große Probleme in sich birgt. Und dies gilt natürlich nicht nur für die katholische Kirche, sondern für jede Konfession und für jede Religion, die in irgendeiner Weise Anspruch auf Unfehlbarkeit erhebt.

Im Zweiten Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche ihr Dogmenverständnis, das früher wesentlich starrer verstanden wurde, ein wenig flexibler formuliert. Nur so wurde es möglich, den Begriff der Dogmen zu relativieren:

Auch dogmatische Formeln und kirchliche Rechtsnormen besitzen eine Dienstfunktion, tragen den Charakter von Zeichen und Hinweisen. Selbst die zentralen Aussagen christlichen Glaubens, die Dogmen, unterliegen zudem einer weiteren Entfaltung und Entwicklung im Verlaufe der Geschichte.
Johannes Gründel (aus Theologie im Fernkurs, Aufbaukurs, Lehrbrief 24, Seite 20)

Entsprechend behalten die dogmatisch verbindlichen Lehraussagen der Kirche nur dort ihre Verbindlichkeit, wo es um Wahrheiten geht, die Gott um unseres Heiles willen geoffenbart hat.
Johannes Gründel (aus Theologie im Fernkurs, Aufbaukurs, Lehrbrief 24, Seite 21)

Viele Christen haben allerdings inzwischen den Eindruck gewonnen, dass die katholische Kirche sich nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder rückwärts entwickelt hätte. Einen gewissen Höhepunkt dieser Entwicklung glaubten manche darin zu erkennen, dass die Kirche im Dezember 1979 Kü die kirchliche Lehrbefugnis entzogen hat. Mich interessieren weniger die Auseinandersetzungen zwischen der Kirche und Küng, sondern die Feststellungen, die die Kirche aus diesem Anlass getroffen hat und die auch für den Einzelnen als verbindlich gedacht sind. So schreibt die Glaubenskongregation hierzu:

Das geoffenbarte Glaubensgut erlaubt weder die freie Wahl des Inhalts noch Unterschiede im Glaubensgehorsam. Es besteht jedoch eine Hierarchie der Dogmen der Kirche in dem Sinne, dass die einen auf den anderen als Hauptdogmen fußen und von innen her beleuchtet werden; alle müssen indessen in gleicher Weise als von Gott geoffenbart geglaubt werden.
Kongregation für die Glaubenslehre, Dez. 1979

Es erscheint mir nur zu verständlich, wenn Küng im April 1980 in diesem Zusammenhang auf die immer noch ungelösten Probleme bezüglich der Unfehlbarkeit hinweist und die Frage stellt:

Es bleibt vor allem die Frage an die Leitung der katholischen Kirche: Wohin führt ihr diese unsere Kirche? Auf dem Weg von Johanne XXIII und dem Zweiten Vaticanum in eine größere katholische Weite, Menschlichkeit und Christlichkeit? Oder auf dem Weg des Ersten Vaticanum und der Pius-Päpste zurück in ein autoritäres Ghetto? Noch immer möchte ich hoffen, dass schließlich doch der Geist wahrer evangelischer Katholizität über den Ungeist eines juristisch-verengten, doktrinär erstarrten und triumphalistisch-angsterfüllten Katholizismus obsiegen wird.
Küng, April 1980

Sicher, die Person Küngs mag für die Kirche zu einer Belastung geworden sein. Es liegt mir fern, in dieser Auseinandersetzung irgendein Urteil abgeben zu wollen. Warum ich dennoch diese polemisch anmutende Stellungnahme zitiere? Es hat einen ganz einfachen Grund. Eine Kirche, die Küng ausschließt, weist auch mir unmissverständlich den Weg aus derKirche heraus. Zahllose offizielle Stellungnahmen der Kirche unter dem Papst Johannes paul II machen es mir nur allzu deutlich, dass die katholische Kirche auch heute schon wieder jenen Glaubensgehorsam von mir fordert, der meinen Verstand vergewaltigen würde. Eine Kirche hingegen, die sich mehr auf Johannes XXIII und das Zweite Vatikanische Konzil orientieren würde, machte es mir wesentlich leichter, einen Weg zu finden, der in die Kirche hinein führt. Beide Tendenzen sind in der Kirche zu finden, es bleibt mehr oder weniger abzuwarten, welche Richtung sich stärker durchzusetzen in der Lage ist.

In diesem Zusammenhang erinnere ich daran, dass die katholische Kirche durch ihr Festhalten an gewissen Lehraussagen wiederholt in Schwierigkeiten geraten ist. Wahrer Glaube kann und darf aber nicht in Gegensatz treten zu gesichertem Wissen. Dort, wo dies trotzdem geschieht, dort ist nicht Glaube am Werk, sondern Ideologie, Fanatismus, innere Unfreiheit. Und wo die Kirchen diese Grenzen nicht beachten, da setzt sie sich unnötigerweise einer massiven Religionskritik aus, und diese versucht, nicht nur einzelne Aussagen der Kirche zu widerlegen, sondern den christlichen Glauben als Ganzes in den Abgrund zu ziehen. Aber offensichtlich hält man in der Kirche das Volk Gottes bisher noch nicht für mündig genug, dass es in problematischen Fragen auch bereits aufgeklärt werden dürfte. Diese Aufklärung lässt man nahezu ausschließlich beruflichen Theologen zukommen. Nur diese gelten als mündig genug, nicht jedoch die Gemeinde. Wie lange wird sich eine solche Einstellung noch aufrechterhalten lassen?

So sehen sich zum Beispiel die Kirchen vielfach gezwungen, Erkenntnisse von Wissenschaftlern über die Fragwürdigkeit bestimmter Bibelstellen anzuerkennen. Sie versuchen jedoch, dies nicht bis zum breiten Kirchenvolk durchdringen zu lassen. Der Widerstand gegen die Verbreitung dieser Erkenntnisse geht übrigens nicht nur von kirchlichen Stellen, sondern vielfach auch von Kerngruppen innerhalb der einzelnen Gemeinden aus.

Das gespaltene Bewusstsein mancherkirchlicher Vertreter drückt sich zum Beispiel darin aus, dass dieselben Gemeindeleiter auf internen Fortbildungs- und Trainingsveranstaltungen der Kirche noch bereitwillig akzeptieren, dass gewisse Schriftstellen erwiesenermaßen aus späteren Fälschungen stammen, dann aber wenige Tage darauf in ihrer Gemeinde des Langen und Breiten über eben dieselben Schriftstellen predigen und dabei so tun, als ob dieselben wortwörtlich direkt aus dem Munde Jesu entsprungen seien. Es sind nicht nur katholische Priester, die sich in dieser Weise dogmatisch festgelegt fühlen. "Wir wissen genau", so hörte ich sinngemäß einen evangelischen Pfarrer in einer öffentlichen Diskussion auf einen diesbezüglichen Einwand antworten, "dass diese Schriftstellen erst im dritten Jahrhundert eingefügt wurden. Dennoch nehmen wir die Schrift wortwörtlich so, wie sie uns überliefert wurde, als unumstößliches Wort Gottes. Gleichgültig, ob die einzelnen Schriftstellen echt sind oder gefälscht, ob sie aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammen oder aus dem vierten, für uns gilt der Buchstabe der Schrift in der uns vorliegenden Fassung. Dieser Buchstabe bleibt für uns unantastbar. In diesem Punkt sind wir uns letztlich auch einig mit der katholischen Kirche." Dies erinnert mich an eine Diskussion mit einem jüdischen Theologen, der allen Ernstes die Ansicht vertrat, die Bücher Moses seien bis zur letzten Zeile von Moses persönlich geschrieben worden, selbst Kapitel 34 aus dem Deuteronomium, in dem beschrieben wird, wann und wie Moses gestorben ist, wie er begraben wurde und dass nach Moses nie wieder ein Prophet wie Moses in Israel aufgetreten sei.

Natürlich ist es leicht, die Institutionen unserer Kirchen anzugreifen. Aber diese Kirchen haben für viele Menschen Verantwortung zu tragen, für Menschen, die darauf angewiesen sind, dass sie dem Wort der Kirche vertrauen dürfen. Die Kirchen können daher nicht ohne weiteres damit beginnen, frühere Lehren und Praktiken zu widerrufen oder auch nur zu relativieren, selbst dann nicht, wenn diese Lehren und Praktiken inzwischen fragwürdig geworden sein mögen. Derartige Entwicklungen, so notwendig sie sein mögen, müssen behutsam eingeleitet werden. Mündigen Christen dagegen darf die Kirche es schon eher zumuten, bei ihren Fragen und Problemen auf sich selbst gestellt zu sein, als sie es denen zumuten dürfte, die erst noch mündig werden wollen. So mag denn mancher die Kirche als rückständig schelten, diese Rückständigkeit hat auf manchen Bereichen ihre volle Berechtigung. Hingegen haben die Kirchen auch darauf zu achten, dass sie bei den Menschen nicht an Glaubwürdigkeit verlieren. Die Kirchen haben diesen Weg nach vorne längst beschritten. Bei manchen Schritten tun sich viele allerdings noch recht schwer. Es ist ja auch kein einfacher Prozess, in wenigen Jahrzehnten aufzuarbeiten, was in Jahrhunderten zusammengekommen ist.