Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

6.      Lehre
6.2    Anspruch und Legitimation
6.2.2 Das Amt des Priesters

Die katholische Kirche betont, dass nur der gültig geweihte Priester wirksam die Sakramente spenden könne. Die Gültigkeit der Priesterweihe sei nur dann gegeben, wenn sie von einem Bischof vollzogen werde, der in direkter Amtsnachfolge der Apostel steht. Wo immer für einen Priester diese Amtsnachfolge nicht gegeben sei, könne keine gültige Priesterweihe vorliegen und dieser Priester folglich die Sakramente auch nicht wirksam spenden.

Natürlich lässt es sich schwer beweisen, dass das geistliche Amt nur von den Aposteln und den von ihnen in direkter Amtsnachfolge geweihten Bischöfen übertragen werden kann. Mir ist keine Schriftstelle bekannt, aus der sich dies herleiten ließe. Umgekehrt habe ich jedoch den Eindruck, dass die ersten christlichen Gemeinden zwar die Eucharistie feierten (vgl. 1 Kor 11, 20-34), ich kann jedoch nicht erkennen, dass hierzu ein Priester geweiht oder zum mindesten beauftragt wurde, wenngleich ich dies natürlich nicht ausschließen kann. Auch einige Stellen der Apostelgeschichte deuten darauf hin, dass nicht nur die Apostel und Diakone, sondern auch die einfachen Christen christliche Gemeinden gründeten (z.B. Apg 8, 4 und 11, 19-21). Soll ich etwa annehmen, dass diese nicht die Eucharistie gefeiert hätten?

Besonders Paulus hat es uns vorexerziert. Sein Verhalten ist in diesem Zusammenhang als besonders aufschlussreich anzusehen. Paulus zählte bekanntlich nicht zu den Jüngern Jesu, er hatte die Christen vielmehr zunächst heftig verfolgt. Nach seiner Bekehrung, die, wie er berichtet, auf Grund einer Vision erfolgte, hat er sich sodann anscheinend eigenmächtig den Titel eines Apostels selbst zugelegt. In seinen Briefen betont er ausdrücklich, dass er sein Amt nicht von den Aposteln übertragen bekam, sondern dass er vielmehr das Evangelium unmittelbar von Gott erhalten habe.

Im Galaterbrief betont er ferner, dass er nach seiner Bekehrung nicht hinaufgegangen sei nach Jerusalem zu denen, die schon vor ihm Apostel waren. Drei Jahre habe er bereits als Apostel mit Erfolg missioniert, bevor er überhaupt zum ersten Male für ganze vierzehn Tage mit einigen der Apostel zusammengetroffen sei. Das nächste Treffen habe sich dann erst wieder vierzehn Jahre später ergeben. Keineswegs habe er sich den übrigen Aposteln gebeugt, die er übrigens spöttisch als "Überapostel" bezeichnet (2 Kor 11, 5 und 12, 11), und schon gar nicht dem Petrus, zu dem er in deutlichem Gegensatz stand, dem er nach Gal 2, 11 sogar "Aug in Aug entgegentrat". Übrigens glauben viele Interpreten, dass nicht Petrus, sondern Jakobus das Oberhaupt der ersten Christengemeinde gewesen sei.

Lukas allerdings, in dessen Berichten das schönfärberische Element deutlich hervortritt, berichtet, dass er sogleich in den ersten Tagen nach seiner Bekehrung nach Jerusalem gekommen sei, und dass Barnabas sich dort seiner angenommen und ihn zu den Aposteln geführt habe (Apg 9, 26-28). Da jedoch in den Berichten des Lukas ohnehin eine Reihe von Widersprüchen zu finden ist, vermute ich, dass eher die Aussage aus dem Galaterbrief zutreffen mag. Da man außerdem die Entstehung des Galaterbriefes vielfach etwa um das Jahr 50 datiert, die Apostelgeschichte jedoch eher um die Jahre 80 oder 90, spricht der zeitliche Abstand zum Geschehen eher für die Aussage aus dem Galaterbrief. Dieser zeitliche Abstand mag übrigens auch eine Erklärung für Irrtümer und Widersprüche bei Lukas abgeben.

So darf man Paulus sicher zu Recht als den ersten Bischof ohne Priester- und ohne Bischofsweihe betrachten. Trotz dieser fehlenden Amtssukzession wird er von der Kirche als Heiliger, als Apostel, ja, neben Petrus sogar als Apostelfürst anerkannt. Woher also dieses Amt?

Paulus hatte Erfolg. Aus seiner Missionstätigkeit gingen die meisten christlichen Gemeinden hervor. Die von den ursprünglichen Aposteln geleitete judenchristliche Gemeinde verlor an Bedeutung, besonders nachdem Jerusalem im Jahre 70 von den Römern zerstört worden war. Das auf Paulus basierende sogenannte Heidenchristentum dagegen trat mehr und mehr in den Vordergrund. Wollte man jedem ein Amt zusprechen, der sich auf eine göttliche Vision und auf göttlichen Auftrag beruft, wo bliebe dann der Anspruch der Kirche? Und wollte man jeden als Apostel betrachten, der eine erfolgreiche Missionstätigkeit nachweisen kann, wie viele Apostel müsste man dann verehren, die die offizielle Kirchenleitung statt dessen, vielleicht sogar gerade wegen ihres Erfolges, als Ketzer verfolgt hat.