Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

6.      Lehre
6.2    Anspruch und Legitimation
6.2.1 Gründungsakt

Die katholische Kirche behauptet, dass Jesus die Kirche gegründet habe. Aber auch die nichtkatholischen Kirchen halten grundsätzlich daran fest, dass die Kirche beziehungsweise die Kirchen von Jesus gegründet wurden. Aber ist dies wirklich der Fall, hat Jesus wirklich eine Kirche gegründet? Maßgebliche Theologen bestreiten allerdings kategorisch, dass Jesus jemals eine Kirche gründen wollte, und schon gar nicht eine derart hierarchisch strukturierte Institution, wie wir sie bei fast allen Kirchen, besonders aber bei der katholischen Kirche kennen.

Jesus hatte zwar einen Kreis von Aposteln und Jüngern um sich versammelt, die man durchaus als eine Gemeinde oder als Kirche ansprechen kann. Auch hatte er ihnen den Auftrag gegeben, seine Botschaft weiterzutragen. Aber hatte Jesus damit bereits eine Kirche im heutigen Sinne, eine exklusive Hierarchie, eine Institution mit umfassenden Vollmachten geschaffen? Hat er damit vor allem auch die exklusive Amtsnachfolge begründet? Wollte er damit jedes Amt von seinem Auftrag ausschließen, das seine Legitimation nicht aus dieser Amtsnachfolge herleiten kann?

Zur Begründung verweist die Kirche in der Regel auf eine Stelle im Matthäusevangelium:

Und so sage ich dir: Du bist Petrus. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelsreiches geben. Was immer du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.
Mt 16, 18-19

Eine zweite Stelle, die gerne zitiert wird, findet sich ebenfalls bei Matthäus:

Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und macht euch alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie alles halten lehrt, was ich euch geboten habe. Seht, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.
Mt 28, 19-20

Schließlich betont man noch das dreimalige "Weide meine Lämmer!" bzw. "Weide meine Schafe!" aus dem Johannesevangelium (Joh 21, 15-17).

Namhafte Wissenschaftler bestreiten allerdings, dass diese Worte überhaupt von Jesus stammen können. So ist der Taufbefehl nach Mt 28, 19-20 nach Auffassung der gesamten kritischen Forschung eine glatte Fälschung. So wurden viele Passagen des Neuen Testamentes in den ersten Jahrhunderten "überarbeitet", um Jesus nachträglich diejenigen Worte in den Mund zu legen, die man gerade benötigte. Denn wie reimt der Befehl, zu allen Völkern zu gehen, sich mit der sonstigen Aussage Jesu zusammen, der seine Jünger nach Mt 10, 5-6 ausdrücklich nicht zu den Heiden, sondern zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt hat, eine Aussage, die auch noch an anderen Stellen der Schrift bezeugt ist? Wieso sollte Jesus sich selbst derart widersprechen? Auch nach dem Bericht der Apostelgeschichte mussten die Apostel erst durch ein Wirken des Heiligen Geistes dazu veranlasst werden, die Taufe auch einem Heiden zukommen zu lassen (Apg 10, 1-48). Und wie hätte er, dessen Predigt nicht die geringsten Anzeichen einer trinitarischen Vorstellung aufwies, eine Taufe auf die Dreieinigkeit anordnen sollen. Selbst die Apostel tauften, wie es in der Schrift selbst an vielen Stellen bezeugt wird (zum Beispiel Apg 2, 38; 8, 16; 10, 48; 19, 6; Gal 2, 27 sowie Röm 6, 3), nicht auf die Dreieinigkeit, sondern auf den Namen Jesu. Dieser Taufbefehl auf die Dreieinigkeit wurde offenbar von kirchlichen Stellen nachträglich eingeschoben, um die längst vollzogene kirchliche Praxis durch ein derartiges Wort Jesu nachträglich zu sanktionieren.

Auch die beiden anderen Schriftstellen sollen nicht auf Aussagen Jesu zurückgehen. Selbst innerhalb der katholischen Kirche werden diese Erkenntnisse nicht ignoriert. So steht zum Beispiel im Lehrbrief 16, Seite 9 des Grundkurses aus Theologie im Fernkurs:

Auch die Stelle Mt 16, 17-19, die feierliche Einsetzung des Petrus zum Felsenfundament der Kirche, hilft hier kaum weiter; denn sie ist nach überwiegender Meinung von Forschern auf katholischer wie evangelischer Seite ein Wort, das erst nach der Auferstehung Jesu so formuliert werden konnte.


Wenn sich gläubige Menschen zu Gemeinden und diese Gemeinden wiederum zu einer Kirche zusammengefunden haben, so ist dies als ein geschichtlicher Vorgang anzusehen, der den Bedürfnissen entgegengekommen ist. Hiergegen ist natürlich kaum etwas einzuwenden. Problematisch wird die ganze Angelegenheit erst in dem Augenblick, wo diese geschichtlich gewachsene Kirche den Anspruch der Exklusivität für sich behauptet, wo sie versucht, diesen ihren Anspruch durch Worte Jesu zu untermauern, wo sie mit diesem Anspruch Andersdenkende zu verketzern sucht, und wo sie lehrt, dass nur in ihr und nur über sie das Heil der Menschen zu erreichen sei. Hier darf und muss man fragen, was Jesus gewollt und gesagt hat. Denn auf die Anschuldigung, ein Außenseiter, der nicht zu den Jüngern zählte, habe im Namen Jesu gewirkt, sagte Jesus:

Wehrt es ihm nicht; denn wer nicht wider euch ist, der ist für euch.
Lk 9, 50 sowie Mk 9, 39-40

Und wie sprach doch Jesus an anderer Stelle:

Ihr aber sollt euch nicht Meister nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder. Auch Vater nennt keinen von euch auf Erden; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Auch Lehrer lasst euch nicht nennen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. Wer der Größte unter euch ist, soll euer Diener sein.
Mt 23, 8-11

Nein, nach solchen Worten ist es in der Tat schwer vorstellbar, dass Jesus eine derart exklusive Kirche gewollt hat, und schon gar nicht, dass er das gegründet hat, was sich uns heute als Kirche präsentiert. Eigentlich dürfte sich nach diesen Worten der Papst auch nicht Heiliger Vater nennen lassen. Als Jesus übrigens seine Apostel zur Verkündigung seiner Botschaft aussendet, gebot er ihnen, "nichts mit auf den Weg zu nehmen als einen Stab, kein Brot, keine Tasche und kein Geld im Gürtel. Sandalen dürften sie tragen, jedoch nicht zwei Röcke anziehen." (Mk 6, 8-9). Nein, nach solchen Worten ist es in der Tat schwer vorstellbar, dass Jesus diese Kirche gewollt hat, die wir kennen.

Schon die Pharisäer und Schriftgelehrten waren Jesus ein Dorn im Auge. Es ist schon beinahe ein zwangsläufiger Prozess, der in der menschlichen Psyche begründet liegt, dass eine Glaubensgemeinschaft oder Kirche im Laufe der Zeit mehr und mehr in die Hand von Pharisäern und Schriftgelehrten gerät. Der lebendige Glaube wird in Gesetze gefasst, in Dogmen, die schließlich kaum die Theologen noch verstehen können. Und die Macht, die die Vertreter einer solchen Glaubensgemeinschaft oder Kirche auf die kleinen Leute, die "Armen im Geiste" (Mt 5, 3) ausüben können, führt auch nicht gerade dazu, mehr Geist und Liebe in diese Glaubensgemeinschaft oder Kirche hineinzutragen. Ob es um christliche Kirchen geht, um den Islam oder das Judentum, immer wieder findet sich diese Ergebnis.

Soweit es also die von mir betrachtete katholische Kirche betrifft, vermag ich nicht zu erkennen, dass sie ihre Gründung mit Recht auf einen Gründungsakt Jesu zurückführen kann. Zum mindesten ihre hierarchische Struktur und ihr Anspruch auf Exklusivität scheint mir nicht dem zu entsprechen, was mir über Jesus bekannt ist.