Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

5.      Offenbarung
5.3    Die christliche Offenbarung der Heiligen Schrift

Obwohl ich mich auch mit den Aussagen anderer Religionen befasst habe, beschränke ich mich hier bei meiner Betrachtung im wesentlichen auf den christlichen Glauben und die christliche Religion. Für diese Wahl waren vor allen Dingen die folgenden drei Gründe maßgebend:

Der erste Grund ist ein theoretischer. Es handelt sich bei der christlichen Religion nämlich um die, rein zahlenmäßig betrachtet, stärkste Religion überhaupt. Fast dreißig Prozent der gesamten Weltbevölkerung bekennen den christlichen Glauben. Wenn man nunmehr voraussetzen dürfte, dass Gott mit seiner Offenbarung möglichst viele, wenn nicht gar alle Menschen ansprechen wollte, dann ist doch die Größe einer Religion ein gutes, wenn auch nicht das alleinige Kriterium dafür, dass diese Religion die wahre Offenbarung Gottes verkündet.

Der zweite Grund ist ein praktischer. Ich lebe in unserem christlichen Kulturkreis. Daher betrachte ich auch diejenige Religion, die diesen Kulturkreis geprägt hat.

Der dritte Grund hängt mit dem zweiten eng zusammen, ist schließlich jedoch ein ganz persönlicher. Die christlichen Kirchen und der christliche Glaube, und hier speziell die katholische Kirche und der katholische Glaube, sind nämlich nach wie vor "meine" Kirche" und "mein" Glaube, in denen ich mich zu Hause fühle, in denen ich aufgewachsen und erzogen worden bin, und die ich, soweit es sich um meine eigene Person handelt, unverändert jeder anderen Religion vorziehe.

Wenn ich also die Religion des Christentums sowie speziell die katholische Konfession kritisch durchleuchte und auf besondere Mängel derselben hinweise, mache ich dies nicht etwa aus besonderer Freude an der Kritik. Es ist vielmehr wiederum dieser grundsätzliche Anspruch der Absolutheit, mit dem das Christentum und die katholische Lehre mir gegenübertritt. Und nur deshalb muss ich mich mit diesem Anspruch auseinandersetzen, und nur aus diesem Grunde letztlich muss ich das Christentum und die katholische Kirche kritisieren, wenn ich es auch nur höchst ungern tue. Aber irgendwie muss ich auf diesen Anspruch reagieren.

Wenn auch andere Kirchen und andere Religionen ähnlich absolute Ansprüche erheben wie das Christentum und hier wieder speziell die katholische Kirche, gehen mir deren Ansprüche nicht unter die Haut, denn mit deren Lehre kann ich mich mit ihnen nicht voll identifizieren, von ihnen fühle ich mich nicht angesprochen. Da sie mich in diesem Zusammenhang weniger interessieren, erübrigt es sich für mich auch, sie zu kritisieren. "Meine" Kirche jedoch behält bei mir nach wie vor irgendwie immer noch einen Fuß in der Tür, ich kann mich aus meiner Verantwortung ihr gegenüber nicht einfach stillschweigend herausstehlen, ich muss mich daher mit ihr auseinandersetzen.

Wie nahezu jede Religion führt auch das Christentum seine Gründung auf einen persönlichen Akt Gottes zurück. Auch das Christentum bezeichnet seine Lehre als von Gott her stammend, und es nennt sich selbst auch als von Gott begründet, als die eine und einzige Kirche Gottes. Und auch seine Offenbarung tritt mit dem Anspruch an uns heran, sie sei eine verbindliche Aussage Gottes, in ihr sei absolute Wahrheit ausgesagt, wir Menschen müssten diese Wahrheit unbedingt für unser Leben anerkennen und wir müssten eine jegliche Alternative zu ihr energisch zurückweisen. Und auch hierfür gilt, dass ich zwar eine Aussage Gottes in jedem Fall unbesehen akzeptiere, dass aber niemand mir garantieren kann, dass diese sogenannte Offenbarung tatsächlich das Wort Gottes enthält.

Einen entscheidenden Anteil an der Beurteilung des Christentums sehe ich in der Heiligen Schrift, und hier besonders dem Neuen Testament. Natürlich weiß ich, dass diese Schriften von Menschen geschrieben wurden. Dennoch stellt sich die Frage, ob die darin enthaltene Offenbarung in ihrem Kern ein authentisches Zeugnis Gottes beinhaltet. Wenn ich sicher sein dürfte, dass wirklich Gott uns diese Offenbarung gegeben hätte, dann, ja dann wäre alles weitere ganz einfach, dann wäre es für mich natürlich selbstverständlich, diese Botschaft Gottes anzunehmen. Und vielen anderen Menschen mag es ebenso gehen. Aber leider - oder glücklicherweise - wissen wir gerade das Wesentliche nicht, ob nämlich diese Offenbarung wirklich von Gott stammt.

Gebt mir einen festen Punkt außerhalb der Erde, und ich werde die Welt bewegen!

so ähnlich soll einst Archimedes gesprochen haben, aber dieser feste Punkt ist es ja gerade, nach dem ich zumeist vergeblich Ausschau halte. Und ich kann mich doch nicht wie weiland der Baron von Münchhausen an meinem eigenen Haarschopf der Offenbarung aus dem Sumpf der Unwissenheit herausziehen! Wer kann mir denn überzeugend garantieren, dass die christliche Botschaft wirklich Gottes Wort verkündet? Denn gerade das lässt sich nicht zweifelsfrei nachweisen, für andere sogenannte Offenbarungen natürlich auch nicht.

Für die Apostel mag das Wort Jesu von zwingender Kraft gewesen sein. Ich hingegen fühle mich auf die Überlieferung dieser Botschaft angewiesen. Ich weiß ja nicht aus eigener Anschauung, was Jesus wirklich gesagt und getan hat, und was an dieser Überlieferung lediglich als Legende angesehen werden müsste. Ich mag daher dieser Botschaft gegenüber, die ich nicht selbst vernommen habe, auch den unterschiedlichsten Zweifeln ausgesetzt sein.

Wenn man den Ursprung unseres Glaubens und seine Geschichte näher ins Auge fasst, so bemerkt man, dass die im Neuen Testament verzeichneten Berichte über Jesus alles andere als authentisch genannt werden können. Sie wurden zu einem großen Teil verfasst von Männern, die Jesus nicht gesehen haben, ein halbes Jahrhundert und mehr nach Jesu Tod. Soweit mir bekannt ist, stammen das Matthäus- und das Johannesevangelium, die beiden Petrusbriefe, die drei Johannesbriefe, der Jakobusbrief und die Hälfte der Paulusbriefe nicht von den entsprechenden Aposteln. Man muss hierzu jedoch bedenken, dass es ein beliebter Literaturbrauch der Antike war, als Autor einen bekannten und berühmten Namen anzugeben, und dass man in diesem Verfahren allein noch keine Fälschung sehen darf. Nur ist es für mich heute eben doch ein Unterschied, ob ein Bericht von einem anerkannten Augenzeugen oder von einer ganz anderen Person stammt.

Ferner wurden die Schriften nachträglich von der Kirche aus Opportunitätsgründen überarbeitet, verändert und um ganze Passagen ergänzt, heute würde man sagen, verfälscht. Zwei Änderungen fallen besonders auf, nämlich das Ende des Markusevangeliums und das Ende des Johannesevangeliums. So schloss das Markusevangelium ursprünglich mit der Erwähnung des leeren Grabes. Von einer Erscheinung des Auferstandenen stand da kein Wort. Dieser nüchterne Abschluss des Evangeliums wurde später vermutlich als unbefriedigend empfunden. Denn es war den Christen der späteren Zeit vermutlich recht seltsam vorgekommen, dass das wesentliche Zeugnis von der Auferstehung Jesu in einem der Evangelien gefehlt hatte. Deshalb musste eben ein entsprechender Nachtrag her. Dem Johannesevangelium wurde sogar ein ganzes Kapitel angefügt (Joh 21, 1-25), obwohl Johannes bereits vorher sein Evangelium eindeutig durch ein Schlusswort beendet hatte.

In den ersten Jahrhunderten nach Christus galt die Heilige Schrift übrigens durchaus nicht als unantastbar. So wurde ständig an den Evangelien herumverbessert, bis schließlich im Jahre 383 mit der Herstellung eines einheitlichen Bibeltextes, der sogenannten Vulgata, begonnen wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde der Wortlaut der Vorlage allein für die vier Evangelien nochmals an 3.500 (!) Stellen geändert. Diese Vulgata wurde schließlich im 16. Jahrhundert auf dem Konzil von Trient für authentisch erklärt.

Nein, als eine Quelle geschichtlicher Erkenntnis über die Person Jesu sind diese Schriften nicht zu gebrauchen, sie stellen vielmehr lediglich ein Zeugnis gläubiger Menschen und Gemeinden dar. Sie enthalten die subjektiven Aussagen ihrer jeweiligen Verfasser und Redakteure und sie sind hauptsächlich an bereits gläubige Menschen gerichtet. Zuerst muss der Glaube also bereits vorhanden sein, erst dann hat diese Offenbarung dem Menschen etwas zu sagen, nicht umgekehrt!

Als das älteste und zuverlässigste der Evangelien gilt das Markusevangelium, für das Experten die Jahre 70 oder 80 nach Christus angeben. Aber inzwischen gibt es selbst die katholische Kirche schon offen zu, dass nicht einmal der Bericht des Markus als geschichtlich angesehen werden darf. So schreibt sie:

Noch um die Jahrhundertwende glaubte man, wenigstens der Evangelist Markus gebe einen historisch zuverlässigen Rahmen und Ablauf des öffentlichen Lebens Jesu wieder und so könne man gerade aus diesem Evangelium das Leben Jesu kritisch rekonstruieren. Einer solchen Ansicht setzte William Wrede (evangelischer Theologe, 1859-1906) als Ergebnis seiner Untersuchung des Markusevangeliums uns das schroffe Urteil entgegen: "Diese Ansicht und dies Verfahren muss prinzipiell als falsch erkannt werden. Es muss offen gesagt werden: Markus hat keine wirkliche Anschauung mehr vom geschichtlichen Leben Jesu."
Theologie im Fernkurs, Grundkurs, Lehrbrief 8, Seite 5

Die gelegentlich geäußerte These, Jesus habe überhaupt nicht gelebt, braucht man wohl nicht allzu ernst zu nehmen. Wenn auch bedeutende Männer wie zum Beispiel Schopenhauer diese These allen Ernstes vertreten haben, diese Annahme darf man getrost übergehen.

Andererseits dürfte es aber auch als ziemlich sicher feststehen, dass der historische Jesus seinerzeit nicht diejenige überragende Bedeutung für seine Zeitgenossen hatte, die man nach dem Zeugnis der Evangelien und der anderen Schriften des Neuen Testamentes von ihm erwarten sollte. Die Evangelien berichten zwar von Jesu Wundern, dass "Blinde sehen und Lahme gehen" und dass sogar Tote wiederauferstehen, aber wer von den zeitgenössischen jüdischen Historikern hält es angesichts dieser, derart aufsehenerregenden Ereignisse auch nur für notwendig, die Person Jesu zu erwähnen oder zum mindesten von den Ereignissen zu sprechen, wenn auch vielleicht ohne Nennung des Namens Jesu?

Nicht einmal der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius, der in seiner Schrift "Jüdische Altertümer" alles das festhielt, was nach seiner Meinung interessant war, der unter anderem Johannes den Täufer, Herodes und Pilatus nennt und auch in vielen anderen Dingen vielfach selbst die geringsten Details des damaligen politischen und gesellschaftlichen Lebens berichtet, nicht einmal er erwähnt die Person Jesu. Zwar gibt es noch das sogenannte Testimonium Flavianum, das in diesem Zusammenhang gelegentlich angeführt wird. Dieser Nachtrag zu den Werken des Josephus Flavius ist jedoch gefälscht und stammt aus dem dritten Jahrhundert. Man vermutet heute, dass den Christen dieses Schweigen des Josephus Flavius derart peinlich war, dass man zu dieser Fälschung schritt, ein damals durchaus übliches Verfahren.

Auch der jüdische Schriftsteller Justus von Tiberias erwähnt Jesus nicht, obwohl Jesus doch nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift gerade in der Nähe des Wohnsitzes dieses Schriftstellers am See Tiberias besonders intensiv gewirkt hat, und dies außerdem gerade zu der Zeit, da Justus von Tiberias dort lebte.

Selbst die Kirche gibt zu, dass die Bedeutung der Person Jesu, wie sie in seiner Lehre und in seinen Wundern zum Ausdruck kommt, von den Evangelisten wohl etwas einseitig dargestellt worden ist. Sie erklärt diese Diskrepanz etwa mit folgendem Argument:

Und auch die Evangelien sind nicht "interesselos" verfasste Lebensbeschreibungen Jesu, sondern engagierte Bekenntnis- und Verkündigungsschriften, die den Glauben an Jesus, den Messias, wecken wollen.
(Theologie im Fernkurs, Grundkurs, Lehrbrief 6, Seite 8)

Auf der anderen Seite darf natürlich auch nicht einfach behauptet werden, Jesus sei lediglich ein begabter Wanderprediger gewesen, er habe Heilungen nur durch suggestive Kräfte bewirkt und keine echten größeren Wunder vollbracht, auch sei er natürlich nicht von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren. Eine derartige Behauptung, wie man sie ebenfalls des öfteren zu hören bekommt, wäre ebenso voreilig. Man kann und darf lediglich konstatieren, dass die Berichte des Neuen Testamentes kein biographisches Material enthalten, das diesen Namen verdient. Sie können sich uns gegenüber also nicht eindeutig als die wahre Offenbarung Gottes ausweisen, sie können nicht die Begründung unseres Glaubens sein.

Bei aller Kritik, die gegen die Schriften des Neuen Testamentes geäußert werden, muss man jedoch festhalten, dass dies zwar kritische Feststellungen gegen Teile des geschriebenen Wortes sind, dass dies auch dessen Beweischarakter berührt, dass dies jedoch keine wesentlichen Argumente gegen den christlichen Glauben beinhaltet.