Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

5.      Offenbarung
5.2    Offenbarungen aus unterschiedlichen Religionen

Einstmals lebte in Sravasti (in Nordindien) ein gewisser König. Der gebot seinem Diener: Lasse alle Blindgeborenen der Stadt an einem Ort zusammenkommen." Als dies geschehen war, ließ er den Blindgeborenen einen Elefanten vorführen. Die einen ließ er den Kopf betasten mit den Worten: "So ist ein Elefant", andere das Ohr oder den Stoßzahn, den Rüssel, den Rumpf, den Fuß, das Hinterteil, den Schwanz, die Schwanzhaare. Dann fragte er: "Wie ist ein Elefant beschaffen?" Da sagten die, welche den Kopf betastet hatten, "Er ist wie ein Topf", die das Ohr betastet hatten, "wie ein geflochtener Korb zum Schwingen des Getreides", die den Stoßzahn betastet hatten, "wie eine Pflugstange", die den Rumpf betastet hatten, "wie ein Speicher", die den Fuß betastet hatten, "wie ein Pfeiler", die das Hinterteil betastet hatten, "wie ein Mörser", die den Schwanz betastet hatten, "wie eine Mörserkeule", die die Schwanzhaare betastet hatten, "wie ein Besen". Und mit dem Rufe: "Der Elefant ist so und nicht so", schlugen sie sich gegenseitig mit den Fäusten zum Ergötzen den Königs.

Die Parabel von den Blinden und dem Elefanten findet sich zuerst im buddhistischen Kanon (Udana 6, 4). Man findet in ihr fünf Wahrheiten in bildlicher Form ausgesprochen:
1. Der Mensch ist wegen seiner natürlichen "Blindheit", d.h. wegen der unzulänglichen Beschaffenheit seines Erkenntnisvermögens, a priori außerstande, den tatsächlichen Sachverhalt zu erfassen.
2. Der Mensch vermag wegen der Begrenztheit seiner Fähigkeiten nur immer einen Teil der Wahrheit zu erkennen.
3. Der Mensch kann das Transzendente immer nur nach Analogie seiner eigenen Erfahrungswelt verdeutlichen und beschreiben.
4. Der Mensch neigt dazu, das einzelne fälschlich zu verallgemeinern, wodurch an und für sich Richtiges in eine falsche Perspektive gerückt wird, und ein verzerrtes Bild des Ganzen entsteht.
5. Der Mensch hält das, was er erkannt zu haben glaubt, für allgemeingültig. Er sieht deshalb die anderen Meinungen als verkehrt an und strebt danach, seine eigenen Ansichten anderen aufzuzwingen, was erbitterte Kämpfe zur Folge hat
Helmuth von Glasenapp, Die fünf Weltreligionen

Es ist sehr leicht zu erkennen, dass diese Parabel von den Blinden und dem Elefanten besonders gut auf die verschiedenen Religionen, auf den Glauben und die Offenbarungen passen, und die Schlussfolgerungen, die zu dieser Parabel angegeben wurden, sprechen für sich selbst.

Als ich dies jedoch einmal in der Diskussion zu einem Glaubensseminar erwähnt hatte, wies mich der Diskussionsleiter, so tolerant er sonst auch war, sogleich darauf hin, dass bei derartiger Betrachtungsweise doch jedem Relativismus Tür und Tor geöffnet würde. Es sei eben doch ein fundamentaler Unterschied, ob man über christliche oder über nichtchristliche Offenbarungsinhalte spreche. Und während er mit flammenden Worten seinen christlichen Standpunkt in einer dogmatischen Antithese zu allen anderen Religionen herausstellte, bemerkte er gar nicht, ein wie gutes Beispiel er wieder für die oben gezogenen Schlussfolgerungen geboten hat.

Eine ganz andere Frage besteht darin, ob die jeweilige Offenbarung auch wirklich von Gott stammt oder ob es sich hierbei um einen Irrtum oder gar um eine bewusste Täuschung handelt. Gerade in der jüngsten Geschichte haben sich nur zu viele Fanatiker, Geschäftemacher und Machtbesessene als Religionsgründer versucht, und viele Menschen sind von Ihnen eingefangen worden. Und was die etablierten Religionen angeht, so behaupten doch Christen, Juden, Moslems und andere, dass gerade ihre und nur ihre Religion die einzig wahre sei.

Wer aber nun von all denen, die von sich behaupten, sie und nur sie allein hätten die volle Wahrheit und den einzig möglichen Weg zum ewigen Heil, wer von denen (wenn überhaupt) hat nun in Wirklichkeit Recht? Bei diesem Ausschließlichkeitsanspruch, den sie im Grunde alle für sich in Anspruch nehmen, kann dies doch allenfalls nur einer sein, wenn nicht sogar alle einem Irrtum unterliegen. Also darf man durchaus schon fragen, was hinter den einzelnen sogenannten Offenbarungen steht.

In unserem Leben verfallen wir recht häufig einem Irrtum. Niemand braucht derartige Irrtümer tragisch nehmen. "Irren ist menschlich." sagt das Sprichwort, und mancher kultiviert seine Irrtümer sogar als Wesensmerkmal für sein Menschsein. Ganz anders dagegen ist es in der Frage nach der Wahrheit über Gott. In dieser Frage darf ich mir eigentlich keinen Irrtum leisten. Diese Frage wird mir vielmehr als Scheideweg präsentiert; und nur, wenn ich richtig entscheide, so wird mir gesagt, nur dann würde ich den Weg zum ewigen Heil finden können. Aber niemand kann mir einen objektiven Maßstab an die Hand geben, wie ich diese wichtige Entscheidung treffen soll. Jeder stellt für sich lediglich die Behauptung auf, dass er und nur er allein den richtigen Weg besitze. Beweise jedoch werden mir nicht geboten.

Für den denkenden und suchenden Menschen jedenfalls bleibt nach wie vor ein unlösbares Dilemma. Einerseits werden von verschiedenen Seiten Forderungen an ihn herangetragen, er müsse an Gott glauben, und zwar natürlich haargenau an den Gott, den der entsprechende ihm präsentiert, und er dürfe an keiner der ihm vorgetragenen Glaubenswahrheiten zweifeln. Andererseits jedoch fehlt ihm jeglicher Orientierungsmaßstab, wie er sich entscheiden soll. Besonders aussichtslos erscheint seine Situation auch noch deshalb, weil ihm gesagt wird, er müsse damit rechnen, dass er im Falle einer Fehlentscheidung sein ewiges Heil endgültig verspiele.

Dieses Dilemma ist es, das den Menschen nach der Wahrheit suchen, ja, nach der Wahrheit schreien lässt. Wenn schon nicht mehr guter Wille, frommes Leben und eine hochstehende Moral ausreichen soll, um eine derartige Fehlentscheidung auszugleichen. Wenn also mein Leben letztlich nichts anderes mehr ist, als ein besseres Lotteriespiel, ein Lotteriespiel allerdings um einen unendlich großen Einsatz. Selbst wenn der Verstand die von der einen oder anderen Religion postulierten Aussagen für höchst unwahrscheinlich halten sollte, angesichts der unendlichen Dimensionen der Drohung und Verheißung fühlt sich der Mensch aufs Höchste verunsichert.

Wo unter all den Religionen und Konfessionen soll da die eine Botschaft Gottes zu finden sein, wo es doch so viele verschiedene Zungen gibt, deren jede für sich den absoluten Anspruch erhebt, die einzige und für alle Menschen gültige Offenbarung Gottes zu verkünden. Selbst die Christen interpretieren ihre gemeinsame Offenbarung noch höchst unterschiedlich. Da liegt doch die Vermutung recht nahe, dass es in manchen, wenn nicht gar in allen Fällen lediglich Menschen sind, die angebliche göttliche Offenbarungen verkünden. Denn mir fällt es schwer, anzunehmen, in einem solchen Lotteriespiel den Willen Gottes zu erkennen.

Was die früheren starren Positionen betrifft, da gab sich das zweite Vatikanische Konzil doch bereits wesentlich offener gegenüber anderen Religionen, indem es zum Beispiel verkündete:

Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten.

Solche Worte wirken äußerst wohltuend, wenn sie auch in der Praxis des kirchlichen Alltags nahezu vergessen sind. Denn auch heute gilt immer noch das Dogma, dass die Zugehörigkeit zur Kirche Jesu Christi für alle Menschen heilsnotwendig sei, wenngleich man die Bedeutung dieses Dogmas vielfach umgedeutet und abgeschwächt hat. Wenn ich hier stets von unserem christlichen Glauben spreche, dann will ich damit andere Religionen selbstverständlich keineswegs abwerten. Selbst die östlichen Religionen, die vielfach ein etwas unpersönlicheres Gottesbild aufweisen, verfügen in den Fragen des Lebens und der Moral über wesentliche Elemente, die bei uns gern als "fernöstliche Weisheit" bezeichnet werden.

Angesichts der unterschiedlichen Religionen stellt sich die Frage, ob es objektive Kriterien gibt, die eindeutig eine Entscheidung für die christliche Offenbarung nahe legen? Denn wie soll ich da entscheiden, welche dieser Verkündigungen mein Vertrauen verdient? Welche Kriterien stehen mir für eine solche Entscheidung zur Verfügung? Ein Kriterium, zwischen wahren und falschen Offenbarungen unterscheiden zu können, vermag ich nicht ohne weiteres erkennen, denn
  --  einerseits enthält jede Religion, Konfession oder Offenbarung, soweit sie mir geläufig sind, irgendwelche Elemente, die man in dieser Weise als fragwürdig aufzeigen kann,
  --  andererseits ist zu bedenken, dass jeder Widerlegungsversuch eine Argumentation im Bereich der Metaphysik darstellt, und daher selbst offensichtlich krasse Widersprüche keine zwingende Widerlegung bedeuten.

So ist es zu verstehen, dass Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen. Denn wer kann schon behaupten, er hätte einen absolut zwingenden und schlüssigen Beweis, den im Grunde genommen auch jeder andere zu akzeptieren hätte. Dies kann natürlich nicht bedeuten, dass plötzlich jegliche Argumentation im luftleeren Raum erfolgt. Natürlich gibt es gute und schlechte Argumente, und die Güte von Argumenten mag sogar objektivierbar sein. Aber auch von guten Argumenten darf man nicht erwarten, dass man jeden Menschen durch sie zu überzeugen in der Lage sei. Letztlich verbleibt dem Menschen vielfach nur das Wort, das seinerzeit Peter Maffey gesprochen hat:

Lieber Gott, wenn es dich gibt, zeig uns deinen Weg!

Die Frage nach der Wahrheit über Gott ist gestellt, sie wurde bereits vor Jahrtausenden gestellt. Seitdem suchen die Menschen immer noch nach der einen erlösenden Antwort, die die quälenden Fragen endlich für immer verstummen lässt. Und wenn die Menschheit in der Zukunft noch weitere Jahrtausende erlebt, so wird diese Frage sicher auch dann noch gestellt werden.

Antworten werden uns seit jeher geboten, viele verschiedene und einander widersprechende Antworten, wie man sehen kann, nicht aber die eine erlösende Antwort, die uns Menschen den Schleier von den Augen zieht und das Fragen für immer verstummen lässt. Es stellt sich sogar die Frage, ob Gott sich der Menschheit überhaupt geoffenbart hat.

Kritiker der Offenbarung verweisen in diesem Zusammenhang gern darauf, dass Gott, wie die Christen ihn sich vorstellen, transzendent ist. Gott ist transzendent bedeutet, dass Gottes Sein und Wesen höher steht als die Welt. Das Gegenteil ist die Immanenz. Gott ist immanent, würde bedeuten, dass Gottes Sein und Wesen der Welt verbunden ist. Von diesen Kritikern wird vielfach die These aufgestellt, dass sich ein immanenter Gott nicht offenbaren brauche, da man ihn ohnehin erkennen könne. Ein transzendenter Gott dagegen könne sich überhaupt nicht offenbaren, da er vollkommen außerhalb der Welt stehe. Auch diese Kritik leuchtet mir nicht ein, setzt sie doch wieder voraus, dass der Mensch mit seinem Verstand in der Lage sei, derartige Aussagen über Gott zu machen.

Sicher wäre es eine Lösung, die Fragen beiseite zu stellen und gläubig die Antwort zu akzeptieren, die uns unsere Religion bietet. Vielleicht sollten wir unkritischer glauben, vielleicht ist die Unmündigkeit im Glauben dem Zweifel vorzuziehen, vielleicht haben gerade diejenigen Recht, die ihren Kinderglauben sich bewahrt haben und deshalb an ihm festhalten, weil schon ihre Eltern, ihre Großeltern und ihre Umgebung ebenfalls diesem Glauben anhingen. Es wäre in der Tat eine Alternative. Doch wenn ich denke, dass bei diesem Kriterium die Antwort für jeden Menschen eine andere sein wird, je nachdem, in welchem Glauben er aufgewachsen ist, dann fällt es mir schwer, mich mit dieser Lösung anzufreunden. Ist die Wahrheit denn teilbar? Ist sie relativ? Gibt es etwa für jeden Menschen eine andere Wahrheit.