Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

5.      Offenbarung
5.1    Die persönliche Gotteserfahrung

Ich bin ihm begegnet.

Ich bin ihm unvermutet begegnet
- durch Zufall würde ich sagen,
   wenn bei einer Begegnung solcher Art
   überhaupt der Zufall im Spiel sein könnte. -
mit dem Staunen, das etwa ein Mensch empfinden würde,
der in Paris bei einer Straßenkreuzung
ein unendliches Meer vor sich ausgebreitet
und Wellen die Häuser umspülen sähe.

Es war ein Augenblick der Verblüffung,
der noch andauert.

Ich habe mich niemals an die Existenz Gottes gewöhnt.
Andre Frossard, Gott existiert. Ich bin ihm begegnet.
Dieser außergewöhnliche Text zeigt eines besonders deutlich. Der eine, der dies liest, hält das Ganze für eine Masche des Verfassers, der sich interessant machen will. Der andere glaubt, dass es sich so verhalten hat, und ist tief ergriffen. Wer von beiden Recht hat, kann außer Frossard selbst niemand mit Sicherheit entscheiden.

Ähnlich verhält es sich mit der in der Heiligen Schrift niedergelegten Offenbarung. Die Apostel und andere Zeitgenossen mögen von den Worten und Taten Jesu aufs Tiefste bewegt worden sein. Heute erhalten die Menschen die Offenbarung Gottes im Normalfall auf dem Umweg über andere Personen. So ist die in der Heiligen Schrift niedergelegte Offenbarung vom Prinzip her an die Menschheit als Ganzes gerichtet und wird somit von Generation zu Generation von Menschen an Menschen weitergegeben. Aber der heutige Mensch fragt sich vielfach, was denn damals wirklich geschehen sei. Auch dies kann heute niemand mit Sicherheit wissen.

Diese extreme Form einer Gotteserfahrung, wie Frossard sie beschreibt, dürfte vermutlich äußerst selten sein. Es ist jedoch auch denkbar, dass ein Mensch ein besonderes Erlebnis hat und dieses als eine Offenbarung Gottes interpretiert. Er sieht darin gleichsam ein wundersames Geschenk Gottes. In diesem Fall spreche ich von einer persönlichen Gotteserfahrung.

Sicher kann ein solches Erlebnis natürlich auch vorgetäuscht werden, aus welchen Gründen dies auch immer geschehen mag. Ein derartiger "Betrug" mag sicher auch gelegentlich vorkommen, als Außenstehender kann dies in der Regel niemand feststellen, doch spricht dies natürlich in keiner Weise dagegen, dass es in anderen Fällen tatsächlich echt empfundene Erlebnisse dieser Art gibt. Ob es eine Illusion, eine Selbsttäuschung ist, oder ob Gott wirklich gesprochen hat, auch das kann niemand entscheiden, nicht einmal der betreffende Mensch, der es so real empfunden hat. Für ihn ist dann auch Gott mindestens ebenso real, wie es für einen anderen Menschen nur die Dinge sind, die ihm seine Sinne, sein Verstand und seine Logik als real nennen. Ein Mensch, der eine solche Gotteserfahrung gemacht hat, fühlt sich in ganz besonderer Weise von Gott ergriffen und findet im Glauben Erfüllung seines Lebens.

Wesentlich häufiger ist eine zweite Form zu finden. So ist es bekannt, dass bestimmte Gottesdienstformen sowie bestimmte Lieder und Gebete auf den beteiligten oder auch unbeteiligten Hörer einen geradezu hypnotischen Einfluss ausüben und somit trefflich dazu geeignet sind, bei einem Teil der Teilnehmer ein Erlebnis hervorzurufen, das sie als Gotteserfahrung empfinden. Meist allerdings findet man diese Formen weniger in den etablierten Glaubensgemeinschaften, sondern eher bei den sogenannten Jugendreligionen und ähnlichen Organisationen, wo man sich dieses Phänomen ganz bewusst und in ausbeuterischer Absicht zunutze macht. Zwar gibt es auch in den etablierten Glaubensgemeinschaften einzelne Gruppen, bei denen diese Formen bewusst gepflegt werden, natürlich ohne diese böse Absicht. Diese Gruppen haben es oftmals nicht leicht, ihren Platz innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft zu behaupten und nicht als Außenseiter oder gar als Sektierer beargwöhnt zu werden

Mögen aber auch die etablierten Glaubensgemeinschaften solchen Formen gegenüber skeptisch sein, irgendwie üben auch die traditionellen Gottesdienstformen dieser etablierten Glaubensgemeinschaften eine ähnliche Wirkung aus. Sie vermeiden lediglich die Extreme, ansonsten findet man doch deutliche Gemeinsamkeiten.

Eine dritte Form hat durchaus den Charakter eines zufälligen Ereignisses. Es mag etwa eine vollkommen unerwartete Errettung aus einer Notsituation sein, unerwartet, aber natürlich voll im Rahmen des Möglichen. Nur für den Betroffenen kommt es in der konkreten Situation eben völlig unerwartet und überraschend und wird von ihm gleichsam wie ein Wunder angesehen. Er sagt vielfach: "Hier hat ganz offenbar der Finger Gottes mitgeholfen und mich beschützt." Kinder sprechen in diesem Zusammenhang von ihrem "Schutzengel".

Eine besonders wichtige Erfahrung, die man sicher auch Gotteserfahrung nennen darf, wenn ihr auch gar nichts Geheimnisvolles anhaftet, macht der Mensch in Grenzsituationen. In äußerstem Leid, in Todesnot, in Verzweiflung sowie in anderen aussichtslos erscheinenden Situationen, wo für den betreffenden Menschen alles Greifbare restlos zu zerbrechen scheint, und wo kein irdischer Halt ihn mehr zu stützen in der Lage ist, da mag diesem beklagenswerten Menschen eine Hoffnung auf die Verheißungen Gottes ungeahnten Trost, Kraft und Sicherheit geben.

Es ist daher sicher kein Zufall, dass Menschen, die Gott in guten Tagen nur zu leicht vergessen, in schwierigen Situationen bei ihm Trost, Halt und Hoffnung suchen, die diese Menschen ohne ihren Glauben nicht zu finden in der Lage wären. Ohne seinen Glauben wäre mancher Mensch in derartiger Situation kaum in der Lage, einen Halt zu finden Natürlich schreit man in verzweifelten Notsituationen wesentlich häufiger nach Gott, als in guten Tagen, wo man Trost und Hoffnung nicht derart verzweifelt vermisst.

Für den Außenstehenden schließlich besagen all diese Gotteserfahrungen wenig. Über die tatsächliche Existenz Gottes und seine Realität zum mindesten sagen diese Gotteserfahrungen absolut nichts aus, so real diese Gotteserfahrungen im Einzelfall für den Betroffenen selbst auch gewesen sein mögen. Sie berühren immer nur den einen, den jeweils Betroffenen. Ob aber eine solche persönliche Gotteserfahrung im Einzelfall in der Tat eine persönliche Offenbarung Gottes an den einzelnen darstellt, ob Gott sich überhaupt jemals in dieser Weise offenbart, oder ob dieses Erlebnis im Einzelfall oder gar grundsätzlich einzig und allein aus der Vorstellungswelt des jeweils betroffenen Menschen stammt, diese Frage kann und will ich nicht beantworten. Es wird auch immer ein Geheimnis bleiben. Vor allem wird die brennende Frage nach der Wahrheit über Gott auch durch das Phänomen der Gotteserfahrungen nicht beantwortet.