Dr. Gerhard Schuchhardt

Home

Privat

Buch Glaube

Buch Spiele

Weltall

Beruf

Links

Kontakt

Sitemap

Impressum



Besucher:

Heute: 46
Gesamt: 19338
(seit dem 17.07.2005)

Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

4.      Erkenntnis
4.6    Probleme philosophischer Lösungsversuche

Somit hatte ich den Eindruck gewonnen, von den klassischen Gottesbeweisen sei in der Substanz sehr wenig übriggeblieben, zum mindesten, soweit ich eine schlüssige Beweisführung erhofft hatte. Anders möchte es sein, wenn man sich damit begnügt, die Existenz Gottes als möglich, als wahrscheinlich oder als plausibel darzustellen. Bei derart verminderten Ansprüchen liegt es zum Beispiel nahe, auf den kosmologischen Gottesbeweis zurückzugreifen, der von der Schöpfung auf die Existenz des Schöpfers schließt. Wenn auch dieser Schluss nicht derart eindeutig sein mag, wie vielfach angenommen wurde, so kommt er den logischen Anforderungen an einen schlüssigen Gottesbeweis jedenfalls noch recht nahe.

Diese Feststellung stellte für mich zeitweise ein Problem dar. Denn das Erste Vatikanische Konzil hat ein von Laien nur wenig beachtetes Dogma aufgestellt, dass nämlich die Existenz Gottes von der menschlichen Vernunft erkannt werden könne. Die Formulierung lautet in der für die Verkündigung von Dogmen typischen Form:

Wer sagt, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft durch das, was geschaffen ist, nicht mit Gewissheit erkannt werden, der sei verdammt.
Concilium Vaticanum I, Constitutio dogmatica de fide catholica 1870

Für den Laien mag diese Formulierung mit dem Verdammungsurteil abstoßend wirken. In der Sprachregelung der Kirche stellt dies jedoch lediglich die übliche Formulierung dar, in der sie Dogmen zu verkünden pflegt.

Wenn auch das erste Vatikanische Konzil noch nicht ausdrücklich davon spricht, dass die Existenz Gottes wirklich bewiesen werden könne, so holt Papst Pius X (1903-1914) dieses "Versäumnis" doch schon bald in einer kaum noch zu überbietenden Weise nach: In dem von ihm zwingend vorgeschriebenen sogenannten "Antimodernisten-Eid" mussten in der Zeit von 1910 bis 1967 alle katholischen Priester unter vielen anderen, heute vielfach ebenfalls für überholt angesehenen Dingen beschwören, dass die Existenz Gottes nicht nur mit Gewissheit erkannt, sondern "sogar bewiesen" werden könne.

Ich kann und will nicht darüber urteilen, ob ein schlüssiger Beweis wirklich möglich ist. Ich bin jedoch der Meinung, dass hier tatsächlich kein gültiges Dogma aufgestellt wurde, auf das dann natürlich auch die Kriterien der Unfehlbarkeit angewandt werden müssten. Es handelt sich ja nicht um eine Frage des Glaubens oder der Sitte, wie die Kriterien im Unfehlbarkeitsdogma lauten, vielmehr ist es eine wissenschaftliche Behauptung, für die die Philosophie und nicht das Lehramt zuständig ist.

Damit komme ich zur Philosophie und zwar zu ihrer Spezialdisziplin Metaphysik. Die Metaphysik ist, mit einfachen Worten gesagt, die Lehre von solchen Gegenständen, die über die Grenzen der von uns erfahrbaren Welt hinausgehen. Fragen, wie die Existenz Gottes oder die Unsterblichkeit der menschlichen Seele gehören also in den Bereich der Metaphysik. Hierbei hatte ich jedoch folgenden Eindruck, den ich ein wenig überspitzt wiedergebe:

Während es in anderen Wissenschaften ein mehr oder weniger feststehendes Basiswissen gibt, sozusagen eine eindeutige Lehrmeinung, die als zweifelsfreies Schulwissen fungieren kann, auf das sich weitgehend alle Vertreter der entsprechenden Wissenschaft geeinigt haben, und worin sich letztlich auch alle bisherige Erfahrung wiederspiegelt, scheint es in der Philosophie unterschiedliche Auffassungen zu geben. Verschiedene sogenannte "Schulen" beginnen von verschiedenen Ausgangspunkten, wenden verschiedene Verfahren an, sprechen verschiedene Sprachen und gelangen zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Diese diversen Auffassungen unterscheiden sich nicht nur in gewissen Grenzbereichen, die Unterschiede gehen vielfach bis tief in die Basis. Dies führt teilweise soweit, dass der eine Philosoph überhaupt keinen Sinn mehr mit dem zu verbinden vermag, was der andere sagt, und dass er nicht einmal zu verstehen bereit ist, wieso dieser andere sich überhaupt Philosoph nennen kann.

Besonders ausgeprägt ist dies im Bereich der Metaphysik. Während manche Philosophen sich hier nur inhaltlich unterscheiden, lehnen andere die Metaphysik als Ganzes ab. So basieren zum Beispiel nach der Philosophie von Rudolf Carnap (1891-1970) alle sinnvollen Aussagen in ihrer letzten Konsequenz auf der Erfahrung. Sätze über Gott, sofern sie metaphysischer Art sind, sind nach Carnap sinnlos, da sie keinerlei Entsprechung in der Erfahrung haben.

Natürlich ist es richtig, dass sich Begriffe wie Gott nicht ohne weiteres auf eine Erfahrungsbasis zurückführen lassen. Auch sollte man gewisse Grenzen unserer Erfahrungswelt nicht leichtfertig überschreiten, ohne die Berechtigung zu dieser Grenzüberschreitung peinlich genau überprüft und begründet zu haben. Meiner Meinung nach ist es jedoch grundverkehrt, wenn man den metaphysischen Begriffen wie etwa Gott ihre Berechtigung absprechen will. Insofern schießen derartige Positionen, die die Metaphysik ablehnen, weit über das Ziel hinaus. Natürlich liegen die Erkenntnisobjekte der Metaphysik wie die Realität Gottes außerhalb unseres Erfahrungshorizontes. Daher kann und darf der Philosoph durchaus verschiedene Mutmaßungen über die Existenz und das Wesen Gottes anstellen, es ist jedoch schwierig, mit den Mitteln der Philosophie echte und zweifelsfreie Erkenntnis über Gott zu erlangen.

In diesem Zusammenhang gilt es noch auf einen Punkt hinzuweisen, der bei Gottesbeweisen vielfach übersehen oder ignoriert wird. In unserer abendländischen Kultur verbinden wir mit dem Namen Gott zumeist automatisch einen ganzen Katalog von Vorstellungen. So wertvoll und hilfreich dieser Katalog für denjenigen ist, der Gott bereits gefunden zu haben glaubt, wenn jemand jedoch objektiv und ohne derartige Voraussetzungen nach der Wahrheit über Gott fragt, müsste er zunächst diesen Katalog entflechten. Sonst kann ein Beweis, selbst wenn er in seiner gedanklichen Anlage fehlerfrei ist, dennoch bei der Anwendung zu fehlerhaften Ergebnissen führen, weil nicht bewiesene Annahmen gleichsam durch die Hintertür Eingang gefunden haben.

Natürlich will der Mensch seit eh und je alles ergründen und beweisen, was nur irgendwie möglich erscheint, also auch die Existenz oder Nichtexistenz Gottes. Gott ist aber unserem Verstande und unserer Logik eben nur in sehr geringem Maße zugänglich. Große und einsichtige Denker, die zu verschiedenen Zeiten gelebt haben, haben dies einmütig immer wieder betont. Werner Freytag hat dies in einfachen, aber treffenden Worten folgendermaßen ausgedrückt:

Selbst die genialst erdachte Philosophie hat am Anfang und am Ende die große Unbekannte, die nie erfassbar ist.
Werner Freytag, Wegbegleiter

Die Fähigkeiten des menschliche Verstandes sind begrenzt, besonders dort, wenn es sich um eine abstrakte und nicht ohne weiteres greifbare Materie handelt, die den normalen täglichen Gebrauch unseres Verstandes überschreitet. Bei der Frage nach der Existenz Gottes könnten die Grenzen, innerhalb derer der Mensch mit seinem Verstand noch einigermaßen sinnvoll und zuverlässig arbeiten kann, möglicherweise überschritten sein. Um zu zeigen, wie vorsichtig man sein muss, wenn man sich außerhalb seines Erfahrungsbereiches auf logische Schlussfolgerungen seines Verstandes verlassen will, verweise ich auf ein Beispiel, das ich aus der exaktesten aller Wissenschaften, aus der Mathematik, beziehungsweise der mathematischen Logik und Grundlagenforschung, ausgewählt habe. So war es dem Mathematiker und Philosophen Bertrand Russell (1872-1970) gelungen, den Nachweis zu führen, dass man selbst bei streng formeller Anwendung logischer Gesetze zu widersprüchlichen Aussagen gelangen kann.

So ging Russell davon aus, dass es in der Mengenlehre Mengen gibt, die sich selbst als Element enthalten, und solche, die dies nicht tun. So ist die Menge aller abstrakten Begriffe selbst ein abstrakter Begriff und die Menge aller Mengen ist selbst eine Menge. Umgekehrt ist natürlich die Menge aller Bäume kein Baum und die Menge aller Stühle ist kein Stuhl. Nunmehr definierte Russell die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten. Anschließend fragte er danach, ob diese so definierte Menge sich ebenfalls selbst als Element enthält. Und siehe da, schon ging es nicht mehr weiter. Denn wenn die Frage mit ja beantwortet würde, die Menge sich selbst also als Element enthielte, dürfte sie sich laut Definition eben nicht als Element enthalten. Wenn aber die Frage mit nein beantwortet würde, die Menge sich selbst also nicht als Element enthielte, müsste sie sich laut Definition eben doch als Element enthalten. Dieser Widerspruch führte dazu, dass grundlegende Regeln der mathematischen Logik überprüft und geändert werden mussten. Wäre solches nicht auch in der Philosophie, speziell in der Metaphysik denkbar? Denn die Frage nach der Existenz Gottes ist eine metaphysische Frage, das heißt, eine Frage, die über die Grenzen der von uns erfahrbaren Welt hinausgeht.