Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

3.      Zum Glaubensinhalt
3.2    Die Frage nach dem Menschen

Bevor ich die Frage nach Gott weiter verfolge, gehe ich also zunächst der Frage nach dem Menschen nach, um mir hier über einige Voraussetzungen klar zu werden. Zu den offensichtlichen Realitäten des Menschen gehört der unübersehbare Gegensatz zwischen der Größe des Menschen einerseits und seiner Ohnmacht auf der anderen Seite. Die Macht des Menschen zeigt sich darin, dass er die Natur weitgehend beherrscht. Naturwissenschaft und Technik sind weit fortgeschritten. Die Forschung begreift erfolgreich sowohl die Größe des Kosmos als auch die Welt der Elementarteilchen. Selbst die belebte Welt, Pflanzen, Tiere und sogar Menschen können in ihren Genen manipuliert werden. Diese Macht prägt das Bewusstsein des einzelnen Menschen, der diese Erfolge auch als seine eigenen ansieht. Dies führt dazu, dass Menschen sich als die Krone der Schöpfung begreifen, dass sie Gott nicht mehr nötig zu haben glauben.

Als Gegensatz zu diesen Zeichen menschlicher Macht und Größe sehen wir die Ohnmacht des Menschen, die wir am deutlichsten und bittersten verspüren, wenn es um den Problemkomplex Krankheit und Tod geht. Bei diesen Grundproblemen, die den Menschen an seiner empfindlichsten Stelle treffen und gleichsam wehrlos machen, setzt die sogenannte Sinnfrage ein. Meines Erachtens gibt es mindestens drei Möglichkeiten, wie der einzelne Mensch auf die Herausforderung durch die Sinnfrage reagiert. Die Art, wie er für seine eigene Person die Sinnfrage beantwortet, bestimmt im wesentlichen seine Lebensphilosophie.

Eine mögliche Antwort auf die Sinnfrage lautet ganz schlicht und einfach: Das Leben hat keinen Sinn, es ist sinnlos. Daher wäre es auch nur folgerichtig, dieses sinnlose Leben von sich zu werfen oder am Leben zu verzweifeln. Mir persönlich fällt es schwer, diese Auffassung auch nur nachzuempfinden. Ich kann eine solche Antwort in keiner Weise akzeptieren.

Eine zweite mögliche Antwort lautet ebenso schlicht und einfach: Das Leben hat einen Sinn, dieser Sinn des Lebens wurde uns von Gott geschenkt. Wenn wir folglich unser Leben konsequent auf Gott hin ausrichten, dann erfüllen wir unser Leben mit Sinn, und dann finden auch wir selbst einerseits Erfüllung in unserem irdischen Leben und andererseits die letzte Erfüllung im Jenseits. Diese Antwort ist die konsequente Antwort, die der Mensch aus dem Christentum und aus der christlichen Botschaft herauszulesen vermag. Sie ermöglicht es dem Menschen, auch über schwere Tage hinwegzukommen, ohne am Leben verzweifeln zu müssen. Natürlich ist diese Antwort nicht allein für Christen reserviert, auch Nichtchristen mögen ihrem Glauben entsprechend eine ähnliche Haltung einnehmen.

Es gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit, auf die Sinnfrage zu antworten, eine Möglichkeit, die zwar auf der Hand liegt, dennoch aber vielfach ignoriert wird: Das Leben ist lebenswert, da braucht es doch überhaupt keinen besonderen Sinn aufzuweisen. Wir nehmen das Leben als das, wie es sich uns anbietet, als ein herrliches Geschenk. Dieses Geschenk wird der Glaubende als Geschenk Gottes betrachten, ein nicht Glaubender wird eine andere Erklärung vorziehen. Diese dritte Möglichkeit darf also unabhängig vom Glauben des einzelnen betrachtet und bewertet werden. Wenn wir das Leben auch wie eine Leihgabe nach einer gewissen Zeit zurückgeben müssen, so kann uns das doch nur deshalb kümmern, weil die Zeit, die uns gegeben war, uns beglückt hat. Der Verlust, den wir später einmal erleiden, indem wir unser Leben verlieren, kann doch nicht größer sein, als das Geschenk des Lebens selbst. Aber ich durfte mich einige Jahre an diesem Leben erfreuen, dafür will ich dankbar sein.

Diese Einstellung, das Leben als etwas Positives anzusehen, trägt ausgesprochen pragmatische Züge, sie ist, auch ohne dass man daraus ein besonderes philosophisches System aufzubauen versucht, weitgehend verbreitet. Es ist auch eine der naheliegendsten Antworten, zum mindesten, solange das Leben sich im wesentlichen von seiner Sonnenseite zeigt.

Was aber, wenn die Lebensumstände sich grundlegend ändern, wenn jemand beginnt, sein Leben als eine schier unerträgliche Last zu empfinden? Dann, aber auch erst dann und nicht bereits früher, stellt sich für den Betroffenen die Sinnfrage erneut. Doch vielleicht erlebt er dies gar nicht. Manche Menschen scheiden still oder schnell dahin, ohne viel zu spüren. Er hätte sich das Leben umsonst mies machen lassen.

Dies alles ist natürlich leicht gesagt. Die Realität des Todes existiert. Nicht jeder hat die Mentalität, sein Leben trotz der Realität des sterben Müssens im tiefsten Innern widerspruchslos als ein geliehenes Geschenk anzuerkennen, was es doch zweifellos ist. Er nimmt die Begrenztheit des Lebens nicht widerspruchslos hin. Er verneint die Endgültigkeit des Todes, die er nicht akzeptieren will und kann. Man mag einen solchen Ansatz, man mag die christliche Lehre, die ja über den Tod hinausweist, bezweifeln, das ist nur der eine Aspekt. Der andere und offenbar viel wichtigere Aspekt besteht darin, dass nur ein solcher Ansatz, der auch für die Zeit nach dem Tode noch eine Aussicht bietet, in der Lage ist, das Unbehagen zu überwinden, das sich für den Menschen in mehrfacher Hinsicht manifestiert:

Der Mensch kann und will sich vielfach mit der Begrenztheit seines Lebens und der Endgültigkeit des Todes nicht abfinden. Er will unbedingt weiterleben. Krankheit, Tod, Siechtum und anderes Unglück der eigenen oder einer nahestehenden Person sollen nicht umsonst erlitten sein. Der Mensch will hierfür eine ausreichende Kompensation erhalten. Das Unrecht in der Welt, besonders wenn man selbst der Betroffene ist, soll eine ausgleichende Gerechtigkeit finden. Der zutiefst empfundene Wunsch nach Rache wird dadurch sublimiert, dass eine grenzenlose göttliche Gerechtigkeit gefordert wird. Für die Fehler der eigenen Person, wenn diese überhaupt empfunden werden, soll dieser Gott natürlich Barmherzigkeit zeigen. Der Mensch sucht also einen Trost, damit all die unbefriedigenden Realitäten des Lebens überwunden werden. Hierzu schreibt Sigmund Freud (1856-1939):

Wir sagen uns, es wäre ja sehr schön, wenn es einen Gott gäbe als Weltenschöpfer und gütige Vorsehung, eine sittliche Weltordnung und ein jenseitiges Leben, aber es ist doch sehr auffällig, dass dies alles so ist, wie wir es wünschen müssen. Und es wäre noch sonderbarer, dass unseren armen, unwissenden, unfreien Vorvätern die Lösung all dieser schwierigen Welträtsel geglückt sein sollte.

Für die Forderung eines Weiterlebens nach dem Tode gibt es eine plausible Erklärung, indem man den Menschen als eine Einheit aus Leib und Seele deutet. Denn der Leib ist ja vergänglich, wie uns schon der bloße Augenschein lehrt. Somit versteht man die Seele also als das Wesen des Menschen, als den eigentlichen Sitz des "Ich". Da übrigens der Mensch üblicherweise sein Bewusstsein als den Sitz seines "Ich" empfindet, stellt sich die Frage, ob Seele nur ein anderer Name für das Bewusstsein darstellt. Alles, was üblicherweise von der menschlichen Seele angenommen wird, könnte man meines Erachtens ebenso auch vom Bewusstsein annehmen. Soweit ich erkennen kann, ist dies keine Glaubensfrage, vielmehr besteht der einzige Grund dafür, dass man mit dem Begriff Seele eine andere Instanz definiert, darin, dass man nicht nur einen quantitativen, sondern auch einen qualitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier postulieren wollte. Denn den Besitz eines Bewusstseins wird man der Tierwelt kaum absprechen können. Ich bin jedoch der Meinung, wir mögen es getrost Gott überlassen, wie das Bewusstsein oder die Seele anderer Lebewesen zu verstehen ist. Hierüber zu spekulieren steht uns eigentlich nicht zu. Andererseits kann ich allein mit meinem Verstand trotz aller Wissenschaft nicht erkennen, ob zusätzlich zum Bewusstsein auch noch eine menschliche Seele existiert, und welche Eigenschaft sie gegebenenfalls hat, oder ob Seele und Bewusstsein nicht vielleicht dasselbe ist.

Wie dem auch sei, die Natur des Bewusstseins stellt in der Tat ein großes Geheimnis dar. Wir wissen heute zwar, dass der Bewusstseinsinhalt von Körperfunktionen gesteuert wird. Versuche haben gezeigt, dass elementare Bewusstseinsinhalte unter Laborbedingungen künstlich erzeugt werden können, indem zum Beispiel bestimmte Hirnregionen elektrisch gereizt werden. Komplexere Bewusstseinsinhalte setzen sich bekanntlich aus elementareren zusammen und wären im Prinzip sicher ebenfalls künstlich zu erzeugen, sofern man nur die hierfür notwendigen, wesentlich komplexeren Versuchsanordnungen technisch beherrschen würde. Diese Überlegung legt schließlich die Vermutung nahe, dass der Bewusstseinsinhalt sein Äquivalent findet im Zustand bestimmter Hirnpartien, und dass man in dieser Beziehung das menschliche Gehirn vereinfacht mit dem Speicher eines Computers vergleichen kann. Es dürfte bei dem heutigen Stand der Forschung schwer fallen, für die Erklärung des Bewusstseinsinhaltes eine andere, nicht rein materielle Deutung glaubhaft machen zu wollen. Für die Frage allerdings, was mit dem Bewusstsein geschieht, wenn im Tode ihre körperliche Basis entfällt, ist die Wissenschaft nicht mehr zuständig.

Wenn es aber auch für den Bewusstseinsinhalt eine materialistische Erklärung gibt, die Natur des Bewusstseins selbst beziehungsweise auch der Seele bleibt für uns nach wie vor ein großes Geheimnis. Eine rein materialistische Deutung könnte ich persönlich nicht akzeptieren.