Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

2.      Zum Begriff des Glaubens
2.3    Negative Ausprägungen des Glaubens
2.3.3 Ideologie

Wenn ich von Ideologie spreche, muss ich zunächst zwei Dinge unterscheiden. Erstens gibt es Menschen und Systeme, die sich ideologischer Methoden bedienen, um Macht über Menschen auszuüben. Für die Einstufung derartiger Methoden als Ideologie kommt es nicht darauf an, ob diese Methoden auch erfolgreich sind. Ebenso gibt es zweitens Menschen, die von einer Sache ideologisch beherrscht werden. Für die Einstufung dieser Verhaltensweise als Ideologie kommt es ebenfalls nicht darauf an, ob die Sache selbst überhaupt etwas mit Ideologie zu tun hat.

Nun könnte man natürlich darüber streiten, was man unter Ideologie verstehen will. Wenn jemand etwa dem Faschismus oder dem Kommunismus in seiner totalitären Form anhängt, wenn er durch keinerlei Argumente zu überzeugen ist, so nennt man dies in unserer westlichen Welt üblicherweise eine Ideologie. Wenn jemand von einer üblen Sekte vereinnahmt worden ist und auf keinerlei Argumente anspricht, so nennt man dies üblicherweise ebenfalls eine Ideologie. Wenn aber jemand von der Lehre des Christentums, also einer etablierten Religion, so sehr überzeugt ist, dass er keinerlei Argumenten zugänglich ist, so nennt man dies üblicherweise einen festen Glauben. Warum nur dieser Unterschied!
Ich bin der Meinung, wenn man das eine als Ideologie bezeichnet, dann müsste man konsequenterweise auch das andere Ideologie nennen. Demnach wäre ein Mensch dann von einer Ideologie beherrscht, wenn er derart fixiert ist, dass er auf keinerlei anders lautende Argumente mehr hört. Hierbei kann jemand einer Lehre, einer Idee oder einem System, das von sich aus nicht notwendigerweise den Charakter einer Ideologie besitzen muss, derart sklavisch verfallen sein, dass es für ihn zur Ideologie geworden ist.

Wenn man es so sieht, kann und darf man natürlich in einem solchen Fall auch die christliche Glaubensüberzeugung dieses Menschen eine Ideologie nennen. Auch dann, wenn man die Überzeugung vom totalitären Faschismus als absolut negativ und die christliche Glaubensüberzeugung als ebenso positiv einschätzt, handelt es sich in beiden Fällen um das gleiche Phänomen. Eine andere Frage ist es lediglich, ob man dieses Phänomen der ideologischen Abhängigkeit grundsätzlich als negativ ansieht, oder ob man hier differenziert.

Was meine Person betrifft, so bin ich, soweit ich es heute beurteilen kann, Jahrzehnte lang einem Irrtum aufgesessen. Das, was ich bei mir als Glauben, sogar als äußerst festen Glauben angesehen hatte, das war bei meiner Person nichts anderes als eine Ideologie. Diese Kennzeichnung als Ideologie bezieht sich auf meine Person. Über den dahinter stehenden christlichen Glauben ist in diesem Zusammenhang noch nichts ausgesagt.

So weit zu dem Phänomen, dass ein Mensch einer Idee derart verfallen sein mag, dass sie für ihn zur Ideologie geworden ist. Wie bereits erwähnt, gibt jedoch auch Menschen, Gruppen, Systeme, die sich dieses Phänomen bewusst und zielgerichtet zunutze machen. Totalitäre politische Systeme, faschistische Gruppen, agressive Sekten pflegen sich entsprechender Methoden systematisch zu bedienen, um andere Menschen ideologisch zu vereinnahmen. Bei einigen dieser Methoden spricht man übrigens auch von Gehirnwäsche. Demnach wäre Ideologie eine Lehre, eine Idee oder ein System, das den einzelnen systematisch derart zu vereinnahmen versucht, dass er auf keinerlei anders lautende Argumente mehr hört.

Leider muss ich feststellen, dass sich einige Aspekte dieser Methoden auch in der christlichen Lehre finden. Mechanismen zur Aufrechterhaltung einer Ideologie gibt es bereits in der Heiligen Schrift. So findet man in den Schriften des Neuen Testamentes an vielen Stellen die dringende Aufforderung zum Glauben. Demjenigen Menschen, der diesen geforderten Glauben annimmt, werden Leben und Heil versprochen; dem jenigen Menschen, der nicht glaubt, werden Tod und Verdammnis angedroht. Insbesondere fiel mir auf, dass bei diesen Schriftstellen fast immer nur auf den Glauben verwiesen wird. ob der betreffende Mensch ein gutes oder böses Leben führt, das schien hier offensichtlich keine Rolle zu spielen.

Zwar werden diese Aussagen an anderer Stelle der Schrift wieder ein wenig zurechtgerückt. So überliefert Matthäus das Wort Jesu:

Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen; sondern nur, wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist.
Mt 7,21

Wenn es also nach diesem Wort doch darauf ankommt, welches Leben ein Mensch geführt hat, so verfehlen derart vereinfachende Aussagen der Schrift, bei denen lediglich auf den Glauben eines Menschen abgestellt wird, dennoch nicht ihre Wirkung.

Soweit ich es übersehe, hat Jesus kaum theologische Glaubenssätze verkündigt, sondern ein gottgefälliges Leben gefordert. Demnach scheint mir bei den Worten Jesu Glauben weniger ein Für-wahr-Halten bedeutet zu haben, sondern eher einen Akt der Entscheidung, das Wort Jesu zu akzeptieren und sein Leben zu ändern.

Solange lediglich ein moralisch einwandfreies Leben gefordert wird, wie Jesus dies getan hat, mag ich in einer Forderung, den Willen Gottes zu tun, noch keine Ideologie erblicken, selbst wenn hierbei mit der Hölle gedroht wird, denn diese Forderung entspricht den natürlichen Bedürfnissen der Menschen. Auch ist nicht zu erkennen, dass Jesus etwa die Menschen beherrschen wollte, wie dies bei ideologischen Systemen die Zielsetzung zu sein pflegt. Wenn hingegen vom Menschen Glaube verlangt und Nichtglauben mit schlimmen Strafen bedroht wird, sehe ich deutliche Probleme, zumal dann, wenn für den Inhalt dieses Glaubens ein von der Kirche erstellter Katalog von Dogmen vorgelegt wird. Ob dies wirklich im Sinne Gottes ist, wage ich sogar zu bezweifeln. Natürlich gibt es Menschen, und es sind sicher nicht wenige, die ihren Glauben mit Freude tragen, die Trost und Geborgenheit in ihrem Glauben finden. Aber für mich, und vielleicht auch für den einen oder anderen geht es nicht so einfach. Ich sehe Widersprüche, und mein Verstand weigert sich strikt, etwas zu glauben, was ich als unbegründet, wenn nicht gar als unrichtig ansehe. Vergewaltigen lässt sich der Verstand nicht, und gegen die Überzeugung zu glauben sollte eigentlich ein Widerspruch in sich sein. Im Hintergrund steht jedoch immer wieder das drohende Wort der Schrift:

Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden;
wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.
Mt 16,16

Und wer wollte denn in dieser wichtigen Frage nicht auf der richtigen Seite stehen. Das Risiko einer Fehlentscheidung erscheint einfach zu groß. In diesem Zusammenhang erinnere ich nochmals an das Wort des heiligen Ignatius von Loyola:

Wenn etwas unseren Augen weiß erscheint,
aber die Autorität der Kirche als schwarz definiert,
so müssen wir ohne jeden Zweifel bejahen,
dass es schwarz und sicher schwarz ist.

Deutlicher hätte man es kaum sagen können, dass der Glaube, wie ihn seinerzeit Ignatius verstand, und wie er uns auch heute noch von manchen Theologen, Seelsorgern sowie kirchlichen Amtspersonen und Instanzen suggeriert wird, eine Ideologie ist. Es ist ein Glück, dass diese Vertreter der Kirche heute in unserem Lande vor Ort eine Minderheit bilden, wenn auch in offiziellen Verlautbarungen besonders der katholischen Kirche dieser Ton bisweilen immer noch anklingt.

Das Gefährliche an jeder Art von Ideologie ist letztlich darin zu sehen, dass der Betroffene nicht mehr in der Lage ist, ihren Inhalt kritisch zu bewerten, dass vielmehr ihm gegenüber die eigene Denkfähigkeit angezweifelt oder vernachlässigt wird, ferner, dass er einer Ideologie gegenüber nicht wachsam genug ist. Heute noch glauben wir blindlings, was uns die Kirche zu glauben vorschreibt, selbst dann, wenn unser Verstand Bedenken anmeldet oder anmelden müsste. Morgen ist es dann die Nation, die Rasse, die Klasse oder auch irgendein Guru, die uns sagen, was in unseren Augen schwarz zu sein hat, auch wenn wir selbst nur weiß und immer nur weiß zu sehen vermögen.

Mit meinem Verständnis davon, was man unter Ideologie zu verstehen hat, stehe ich nicht allein. So spricht Johannes Gründel in dem von der katholischen Kirche herausgegebenen Fernkurs für Theologie, Aufbaukurs, Lehrbrief 24, Seite 22-24 über die Ideologisierung des christlichen Glaubens. Hierbei zählt er ohne Anspruch auf Vollständigkeit vier Charakteristika des von ihm benutzten Ideologiebegriffs auf und erläutert sie. Zu jedem dieser Charakteristika und den Folgerungen werde ich einige Kernsätze zitieren:

1. Totalitätsanspruch:
Die eigene Perspektive wird verabsolutiert. Konkurrierende Positionen werden nicht ernst genommen, erscheinen eher als Verkörperung der Unwahrheit. Insofern ist bei einem solchen Anspruch kein Dialog möglich.

2. Das abgeschlossene System:
Die Verabsolutierung einer Teilansicht führt bei der Ideologie zum Ausbau der eigenen Erkenntnis als abgeschlossenem System. Die Begründungszusammenhänge werden perfekt gestaltet, alle auftretenden Bruchstellen geschlossen. Das System genügt sich selbst. Der fragmentarische Charakter aller menschlichen Einsicht in die Zusammenhänge der Wirklichkeit wird geleugnet.

3. Erfahrungsfremdheit und Verabsolutierung der Methode der Deduktion:
Von Prinzipien oder Ideen wird jede weitere Erkenntnis abgeleitet. - (So meinten zum Beispiel) die Gegner Galileis die biblischen Aussagen auch notwendigerweise zur Deutung bestimmter Naturvorgänge heranziehen zu müssen.

4. Fraglosigkeit und Undurchsichtigkeit der Denkvoraussetzungen:

Jede Wissenschaft - einschließlich der Theologie - bleibt solange dem Ideologieverdacht ausgesetzt, bis geklärt ist, ob auch Raum bleibt für die Überprüfung der Denkvoraussetzungen und letztlich für die Frage nach dem Sinn, den eine Wissenschaft hat, für die Frage, in welcher Weise eine Wissenschaft dem Menschen dient. Wo diese Sinnfrage ausgeklammert wird, liegt Ideologie vor.

Will Kirche wirklich der konkrete Ort und ein Motiv der Glaubwürdigkeit christlichen Glaubens sein, dann ist eine ständige Selbstkritik und Offenheit auch gegenüber der Kritik von außen Voraussetzung für die notwendige Reform der immer wieder zu reformierende Kirche.