Dr. Gerhard Schuchhardt

Home

Privat

Buch Glaube

Buch Spiele

Weltall

Beruf

Links

Kontakt

Sitemap

Impressum



Besucher:

Heute: 46
Gesamt: 19338
(seit dem 17.07.2005)

Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

2.      Zum Begriff des Glaubens
2.2    Glauben in seiner religiösen Bedeutung
2.2.6 Wo liegen die Grenzen ?

Für mich bestand ursprünglich Glauben darin, dass ich die Glaubensaussagen der Kirche für absolut wahr hielt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich jemals eine dieser Aussagen bezweifeln würde. Diese Starrheit jedoch, die meinem Glauben anhaftete, setzte zwar die Schwelle für einen Glaubenskonflikt recht hoch, gab mir für diesen Konfliktfall jedoch nur zwei Alternativen: Entweder musste ich jede auch noch so unwesentlich erscheinende Glaubensaussage energisch verteidigen, oder aber, wenn auch nur ein einziges Element dieses Glaubens ernstlich in Frage gestellt würde, müsste das ganze Glaubensgebäude restlos in sich zusammenbrechen.

Der Bruch kam, als ich den Eindruck erhielt, dass mindestens eine der Lehraussagen der Kirche zu einem logischen Widerspruch führte (siehe 7.1.2 Das Problem der Theodizee). Als ich später nach einer anderen Erklärung suchte, stieß ich auf einen Vergleich, der zwar ebenfalls seine Schwächen haben mag, dennoch aber bedacht werden sollte.

Und zwar habe ich als Beispiel daran gedacht, was man üblicherweise Kindern zu erzählen pflegt. So sagt man einem Kind Dinge mit anderen Worten als einem Erwachsenen. Kindern pflegt man manche Wahrheiten nicht direkt, sondern in Bildern und Symbolen nahe zu bringen. So erzählen viele Eltern ihren Kindern, dass das Christkind den Tannenbaum sowie die Geschenke und dass der Klapperstorch die kleinen Kinder bringt. Im ersten Fall will man den Kindern eine schöne Illusion geben, im zweiten Fall denkt man eher an gewisse Gefahren, die mit der Sexualität zusammenhängen.

Manche modernen Erzieher lehnen es ab, ihren Kindern bezüglich des Christkindes oder des Klapperstorches etwas "vorzulügen". Ich will nicht darüber urteilen, welche Art der Erziehung vorzuziehen ist. Ich sehe jedoch keinen Grund, die schönen Geschichten um das Weihnachtsgeschehen herum oder die Erwähnung des Klapperstorches schlichtweg als Lügen abzutun. Eher möchte ich es als Symbole bezeichnen, hinter denen sich eine tiefere Wahrheit verbergen mag, die sich in diesem Falle in Symbole kleidet. Diese Wahrheit bezeichne ich im Unterschied zu den Symbolen sodann als Substanz. Von Kindern werden diese Symbole durchaus noch wörtlich verstanden. Ein Erwachsener dagegen wird es kaum missverstehen, wenn jemand zu ihm sagt: "Dieses Geschenk hat das Christkind für dich unter unseren Weihnachtsbaum gelegt." oder "Der Klapperstorch hat uns ein Kind gebracht." Er wird vielmehr ganz genau wissen, was mit dieser Symbolsprache ausgedrückt werden soll.

Schwierig wird in beiden genannten Beispielen die Phase des Heranwachsens. Für ein Kind mögen gewisse Illusionen noch angemessen sein. Irgendwann aber muss der Heranwachsende die dahinter stehende tiefere Wahrheit erkennen. Ein Erwachsener schließlich sollte über Christkind, Osterhasen und Klapperstorch hinausgewachsen sein.

An diesem Beispiel habe ich in Gedanken versucht, einen Vergleich zum Glauben zu ziehen. Beim Glauben gibt es ebenfalls mehrere Ebenen, die mit den Phasen des Heranwachsens verglichen werden können. Das Kind versteht die Symbole noch wörtlich, während der Erwachsene hinter den Symbolen die Substanz erkennen sollte. Wenn zum Beispiel in der Bibel steht, dass Gott den Menschen aus Erde geschaffen hat, dann betrachte ich diese Darstellung als Symbol. Die dahinter stehende Substanz besagt, dass der Mensch seinem biologischen Ursprung nach sich durchaus aus anderen Lebewesen entwickelt haben mag, dass dies aber letztlich ein Werk Gottes ist.

Wenn ich in diesem Zusammenhang von Kindern und Erwachsenen spreche, dann ist dies natürlich keineswegs eine Frage des Lebensalters. Ich habe Jugendliche kennen gelernt, denen man deutlich anmerkte, dass sie auch in Glaubensfragen genau wussten, wovon sie sprachen. Ich hingegen hatte bereits ein Alter von vierzig Jahren erreicht, bevor ich mich aus einer gewissen Verengung zu lösen begann. Andere Menschen bleiben ihrem "Kinderglauben" ein ganzes Leben lang verhaftet. Sie können oder sie wollen sich nicht hiervon lösen und man sollte sie deshalb auch nicht tadeln. Es gibt übrigens keinen Grund, pharisäerhaft auf eine "niedrigere" Ebene herabzuschauen. Dennoch sollte man sich durchaus bemühen, seinen Glauben auf die nächste Ebene zu heben, bevor man etwa auf der unteren Ebene zu Problemen kommt.

Eigentlich wäre es die Aufgabe der Kirche, die Menschen darüber aufzuklären, wo sie in einer Aussage des Glaubens diesen Symbolcharakter zu sehen haben, und wo hinter diesen Symbolen die tiefere Wahrheit zu finden ist. Sie aber hat diese wesentliche Aufgabe bisher leider nur in ganz rudimentären Ansätzen wahrgenommen, vielmehr lässt sie diese Symbole des Glaubens weitgehend mit der Substanz des Glaubens gleichsetzen. Und wenn jemand diese Glaubensaussagen und Dogmen lediglich als symbolhaft versteht, wenn es in seinen Augen nicht die eigentliche Substanz des Glaubens, sondern lediglich diese Symbole sind, die er wörtlich zu nehmen nicht fähig ist, wird er vielfach sogar als "Ungläubiger" angesehen. Einzelne Seelsorger allerdings sehen diese Aufgabe schon seit langem und versuchen, wenigstens in ihrem Einflussbereich ein kleines Stück dieser notwendigen Aufklärungsarbeit zu leisten. Denn die Fragen kommen unweigerlich. Wenn die Kirche zu ihnen schweigt, wessen Antworten werden dann wohl gehört?

Selbst Theologen, die sich doch hauptberuflich und gleichsam ständig und nahezu ausschließlich mit den Fragen des Glaubens beschäftigen, sind der Lösung des Geheimnisses Gott kaum einen Schritt näher gekommen. Wie steht es da erst mit den Laien, die sich vielfach nur eine oder wenige Stunden pro Woche auf Gott besinnen!

An der Substanz des Glaubens sollte natürlich nicht gerüttelt werden. Aber auch Symbole des Glaubens müssen in ihrer Formulierung zwar nicht wortwörtlich, sie sollten jedoch ernst genommen werden, da auch ein Symbol in der Regel ein letztes Anliegen ausdrücken soll.

Auch Jesus hat nicht theologische Aussagen über Gott verkündet, er hat manche Aussagen statt dessen in Gleichnisse gekleidet. Ob man sich nun auf Gleichnisse stützt oder ob man in Symbolen spricht, wie ich es interpretiert habe, die eigentlichen und tieferen Wahrheiten über Gott wird der Mensch hier auf Erden nicht begreifen können.

Natürlich klingen die obigen Ausführungen über Symbole und Substanz zunächst reichlich theoretisch. Auch deutet sich hier eine nicht zu unterschätzende Gefahr an, dass nämlich Glaubensaussagen willkürlich als unverbindlich eingestuft werden, indem man ihnen das Etikett Symbol zuweist. Daher stellt sich die entscheidende Frage, wie denn diese Grenze zwischen Symbol und Substanz konkretisiert werden kann. In dieser Frage bietet das Beispiel von Galilei einen brauchbaren Ansatzpunkt. Heute ist es uns klar, dass die Aussage, die Erde drehe sich um die Sonne, in keiner Weise die eigentliche Substanz unseres Glaubens berührt. Heute sieht selbst die Kirche in den Aussagen von Galilei keinen Gegensatz mehr zur Offenbarung.

Natürlich ist es keineswegs leicht, eine verbindliche Grenze zu ziehen zwischen dem, was man als Symbol des Glaubens ansprechen darf, und dem, was unverzichtbare Substanz des Glaubens ist und bleiben muss. Dies soll allerdings auch nicht versucht werden. Denn ohne triftigen Grund sollte man eine Glaubensaussage nicht in Zweifel ziehen oder als Symbol bezeichnen, bloß, um über diese Grenze eine Aussage zu treffen. Denn auch die als biblisch angesehene Aussage, dass sich die Sonne um die Erde drehe, wurde ja auch erst da in Frage gestellt, als die wissenschaftliche Erkenntnis zu anderslautenden Ergebnissen geführt hatte. Diese Aussage bereits vorher zu bezweifeln, hätte der Ehrfurcht gegenüber dem biblischen Wort nicht entsprochen. Andererseits aber war es ebenso wenig sinnvoll gewesen, an einer derartigen Aussage auch weiterhin unbeirrt festzuhalten, nachdem sie bereits wissenschaftlich überholt war.

Wichtig ist es meines Erachtens, zunächst einmal zu erkennen, dass es überhaupt eine derartige Grenze gibt, die die Substanz des Glaubens von seinen äußeren Symbolen scheidet, und ein gewisses Gefühl dafür zu bekommen, wo ungefähr eine solche Grenze gesucht werden müsste. Als grobe Faustregel, wo etwa diese Grenze zwischen Symbol und Substanz des Glaubens zu suchen sein mag, mag man annehmen, dass zunächst alles das, was irgendwie vom Verstand, von den Sinnen, von der Erfahrung her erfassbar ist, was sich in logische Zusammenhänge bringen lässt, was Inhalt irgendwelcher Wissenschaften sein kann, was also letztlich auch irgendwie falsifizierbar sein mag, dass dies stets dem Verdacht auszusetzen ist, dass es innerhalb des Glaubens möglicherweise lediglich einen Symbolcharakter besitzen mag. Als Substanz hingegen wäre sodann das anzusprechen, was hinter diesen Symbolen steht, was letztlich als transzendent bezeichnet werden muss, und was daher auch nicht originär, sondern wegen der Begrenztheit unserer menschlichen Auffassungsgabe nur in Symbolen erfasst und ausgedrückt werden kann.

Ich halte es für eine Aufgabe der Kirche, diese wirklich schwierige Problematik verantwortungsbewusst anzufassen und aufzuarbeiten. Es ist wichtig, dass hierbei gezeigt wird, dass trotz aller anderslautender Argumente der Glaube durchaus keine Torheit bedeutet, wie dies vielfach so dargestellt wird. Vielmehr ist es geradezu erst der Glaube, der den Sinn des Lebens zu erschließen vermag, wenn auch gewisse Grundlagen des Glaubens fragwürdig, ja, zum Teil sogar nahezu unglaubwürdig erscheinen mögen.

Es ist ja nicht etwa so, dass die Kirche sich der modernen Interpretation des Glaubens uneinsichtig verschlösse. Mitnichten! Vielmehr werden manche Aussagen, die den arglosen Leser vielleicht schockieren, von der offiziellen Kirche längst anerkannt. Nur halten viele Stellen der Kirche das Volk Gottes noch nicht für mündig genug, dass es in diesen Dingen auch bereits aufgeklärt werden dürfte. Diese Aufklärung bleibt vielfach nahezu ausschließlich den berufenen Theologen vorbehalten. Nur diese gelten als mündig genug, nicht jedoch die Gemeinde. Wie lange wird sich diese Einstellung noch aufrecht erhalten lassen?