Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

2.      Zum Begriff des Glaubens
2.2    Glauben in seiner religiösen Bedeutung
2.2.5 Glaube und Wahrheit

Nicht nur Christen, auch zum Beispiel Mohammedaner unterscheiden zwischen "Gläubigen" und "Ungläubigen", wobei der Begriff Ungläubiger vielfach abwertend verwandt wird. So wird ein Gläubiger mit schlechten Charaktereigenschaften häufig sogar wesentlich höher eingeschätzt als ein sittlich hochstehender Ungläubiger.

Liest man dagegen die entsprechenden Ausführungen des Jakobusbriefes (Jak 2, 14-26), so könnte man den Eindruck gewinnen, dass nicht derjenige als gläubiger Christ anzusehen ist, der mit seinem Verstand die christliche Lehre glaubt, sondern vielmehr derjenige, der die Lehre Christi befolgt, und dass dieses Befolgen als Glaube gilt.

Ein Glauben beziehungsweise Nichtglauben im Sinne des Glaubensbegriffes "etwas für wahr Halten" sagt also noch nichts aus über die Glaubenshaltung eines Menschen im Sinne der übrigen Glaubenskomponenten. Ein Mensch kann bestimmte Glaubensaussagen bezweifeln, dennoch aber die sittlichen Grundsätze des Glaubens für sich als verbindlich betrachten. Umgekehrt kann ein Mensch von allen Glaubensaussagen überzeugt sein und dennoch gegen die Gebote murren. Seine Einstellung zu den Glaubensaussagen ist Ausdruck einer verstandesmäßigen Überzeugung, sein Handeln hingegen ist Ausdruck seines Willens. Welcher "Glaube" jedoch mag nun in den Augen Gottes mehr zählen, der des Verstandes oder der des Willens? Vielleicht ist sogar das Beispiel von den zwei ungleichen Brüdern (Mt 21, 28-32) in ähnlicher Weise zu deuten.

Als Kind war ich mächtig stolz darauf, gut rechnen zu können, und das schon lange, bevor ich in die Schule kam. Und wenn ich diese meine Fähigkeit anderen ausführlich unter Beweis gestellt hatte, fragte mich gelegentlich einer, wohl, um mir den Mund zu stopfen: "Wie viel ist denn Millionen mal Millionen?" Natürlich konnte ich diese Frage nicht beantworten.

Eines Tages gab mir jemand die Antwort: "Millionen mal Millionen sind Zehn Milliarden." Ich konnte natürlich nicht erkennen, dass diese Aussage falsch war, aber von diesem Tag an "wusste" ich die Antwort auf die obige Frage. Einige Jahre später, ich muss so um die zehn Jahre alt gewesen sein, sagte mir jemand die richtige Antwort: "Millionen mal Millionen sind eine Billion." Aber mein "Wissen" aus Kindertagen sträubte sich dagegen und ich beharrte stur auf meiner Behauptung, dass Millionen mal Millionen eben Zehn Milliarden seien. Weitere Jahre später, wegen der Kriegsereignisse war ich erst mit vierzehn Jahren auf das Gymnasium gekommen, wurden für mich auch diese großen Zahlen in ein entsprechendes Ordnungsschema eingefügt und ich kann sicher mit ihnen umgehen.

Ähnlich ist es auch mit dem Glauben. Gleichgültig, ob jemand als Christ, Moslem, Hindu oder umgekehrt in einer atheistischen Umgebung aufgewachsen ist, er hat bereits in seiner Kindheit bestimmte religiöse Vorstellungen in sich aufgenommen. Ein Zweifel an diesen ist vielfach undenkbar, rationale Argumente prallen ab.

In diesem Zusammenhang denke ich an das bemerkenswerte Wort von Mahatma Gandhi, das ich bereits zu Beginn zitiert habe:

Es gibt unzählige Definitionen von Gott,
ich aber bete ihn nur als Wahrheit an.

Was aber ist die Wahrheit über Gott? Natürlich gibt mir der christliche Glaube hierzu eindeutige Antworten. Dennoch aber mag hier die Frage erlaubt sein, ob diese Antworten auch wirklich der Wahrheit entsprechen. Wenn ich so frage, dann stelle ich damit nicht etwa die Wahrheit des Wortes Gottes in Frage, ich frage vielmehr, ob diese Antwort auch wirklich aus dem Munde Gottes stammt. Auf diesen entscheidenden Unterschied kann ich nur immer wieder erneut hinweisen. Wenn ich nämlich eindeutig wüsste, dass Gott gesprochen hat, dann wäre es meines Erachtens sicher höchst unvernünftig, wollte ich an einer solchen Offenbarung Gottes zweifeln, was immer er auch gesagt hätte. Woran ich aber zweifeln kann und darf, das ist diese entscheidende Behauptung, dass nämlich eben diese sogenannte Offenbarung von Gott kommt. Kein Mensch ist ja in der Lage, mir die Richtigkeit dieser Behauptung oder die Wahrheit eben dieser Offenbarung zu garantieren. Dies könnte nur Gott selbst. Von ihm jedoch wissen wir Menschen nur aus eben dieser Offenbarung, womit dieser Kreis wieder geschlossen ist. Wenn aber diese offensichtliche Lücke bewusst ignoriert wird, dann erinnert ein solches Vorgehen daran, wie weiland der Baron von Münchhausen sich an seinem eigenen Haarschopf aus dem Sumpf zu ziehen versuchte und angeblich auch noch Erfolg dabei gehabt hat. Ein derartiges System, das seine eigene Begründung aus sich selbst schöpft, das sich gegen jegliche Korrekturversuche seitens Vernunft oder Erfahrung abschirmt, selbst hingegen mit absoluten Ansprüchen auftritt, ein solches System nennt man gewöhnlich eine Ideologie.

Natürlich kann es durchaus auch zulässig und legitim sein, bestimmte Annahmen als feststehend an den Anfang zu stellen. Man mag durchaus die Heilige Schrift oder die kirchlichen Dogmen als unverrückbares Faktum ansehen und dann weiter fragen, nur soll man das dann auch offen aussprechen. Es wäre in diesem Falle unredlich, wollte man einem Dritten, der diese Voraussetzungen vielleicht nicht unbesehen akzeptiert, einzureden versuchen, man suche nach nichts anderem als nach der Wahrheit. Und es wäre ebenso ein Selbstbetrug, wollte man es sich selbst einreden, was leider nur zu oft noch geschieht.

Allerdings kann und darf wahrer Glaube sich nicht gegen jegliche Vernunft stellen. Er darf vor allem nicht in Gegensatz treten zu gesichertem Wissen. Dort, wo solches trotzdem geschieht, dort ist nicht Glaube am Werk, sondern Ideologie, Fanatismus, innere Unfreiheit. Gott hat uns als freie Menschen geschaffen, nach seinem Bild, nicht etwa als Marionetten für irgendwelche Manipulationen. Und da gehört natürlich auch unser Verstand dazu, ja, sogar wesentlich dazu. Wenn wir dies verkennen, dann ist das nicht lobenswerte Bescheidenheit, nein, dann vergraben wir die Talente, mit denen wir nach dem Willen Gottes arbeiten sollten, dann schätzen wir den Geist Gottes gering.

Früher herrschte die Meinung vor, dass es zwischen dem Glauben auf der einen Seite und dem wissenschaftlichen Fortschritt auf der anderen Seite einen unüberbrückbaren Widerspruch gäbe. Heute versteht man Wissenschaft und Glauben eher als die zwei Pole eines gemeinsamen Spannungsfeldes, wobei gerade der Fortschritt in Wissenschaft und Technik dem Menschen seine Grenzen besonders deutlich zeigen und ihn so auf Gott verweisen könnte.

Wissenschaft und Glaube haben eines gemeinsam, beide fragen kompromisslos nach der Wahrheit. Hier liegen die Gemeinsamkeiten, hier aber auch finden sich die Streitpunkte. Auch dort, wo der Christ anscheinend nicht nach dem Wahrheitsgehalt des Glaubens fragt, wo er sich vielmehr an dem tieferen Sinn seines Glaubens orientiert, wird sein Glaube stets auch Wahrheit beanspruchen. Wenn also nach der Glaubwürdigkeit unseres christlichen Glaubens gefragt wird, dann muss dieser Glaube in Relation gesetzt werden zu einer objektiven Glaubenswirklichkeit, zur Wahrheit. An dieser entscheidenden Frage darf sich ein Glaube nicht vorbeizuschleichen versuchen, auch nicht unser christlicher Glaube.

Wahrheit hat unser Glaube zu beanspruchen, daran wird der Christ nicht zweifeln, denn sonst würde er nicht glauben. Welche Wahrheit aber ist es, die unser Glaube mit Recht zu beanspruchen hat? Soll sich unser Glaube etwa auf eine naturwissenschaftliche Wahrheit erstrecken? Kann er vielleicht historische Wahrheit beanspruchen? Soll er sich möglicherweise auf philosophische Wahrheit gründen?

Naturwissenschaftliche Wahrheit beanspruchte ein Glaubensverständnis, das in den Erkenntnissen eines Galilei (1564-1642) oder Darwin (1809-1882) einen Widerspruch zu den Aussagen der Heiligen Schrift erblickte. Von solchem Glaubensverständnis haben sich die Kirchen fast aller Konfessionen inzwischen weitgehend gelöst. Heute sehen die Kirchen in den Aussagen von Galilei und Darwin keinen Gegensatz zur Offenbarung Gottes. Als verbindlich betrachten sie die Aussage, dass Gott die Welt und den Menschen geschaffen hat. Die erzählerische Einkleidung dieser Aussage, die dem damaligen Weltbild entnommen ist, gehört auch nach offizieller kirchlicher Lehre nicht mehr zur Substanz des Glaubens. Wir mögen also getrost annehmen, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und wir mögen sogar zugestehen, dass der erste Mensch sich seinem biologischen Ursprung nach aus einem dem heutigen Affen vergleichbaren Lebewesen entwickelt habe, dies alles berührt unseren Glauben nicht. Nein, naturwissenschaftliche Wahrheit ist es sicher nicht, die der christliche Glaube zu beanspruchen hat.

Historische Wahrheit beansprucht ein Glaube, wenn er darauf beharrt, dass die in der Heiligen Schrift berichteten Ereignisse tatsächlich genau in der Weise geschehen sind, wie es dort geschrieben steht. Heute geben die Kirchen offen zu, dass die Berichte der Schrift aus historischen, legendären und mythologischen Elementen zusammengesetzt wurden, und dass sie darüber hinaus sogar, wie vielfach behauptet wird, bewusste und gezielte Fälschungen enthalten mögen. Die Kirchen geben es offen zu, wenn auch mit einiger Zurückhaltung. Nein, auch historische Wahrheit ist es nicht, die der Glaube zu beanspruchen hat.

Philosophische Wahrheit beansprucht ein Glaube, wenn er Lehraussagen vertritt, die zu logischen Widersprüchen führen. Philosophische Wahrheit beansprucht ein Glaube besonders dann, wenn er diese Widersprüche zwar klar erkennt, nicht jedoch gewillt ist, sie als reale Widersprüche zur Kenntnis zu nehmen. Philosophische Wahrheit beansprucht er dann, wenn er versucht, diese Widersprüche durch Scheinargumente zu erschlagen, und wenn er nicht einmal davor zurückschreckt, die Anwendbarkeit der grundlegenden Gesetze der Logik zu leugnen oder die Denkfähigkeit des menschlichen Verstandes zu bestreiten, nur, um gewisse Lehraussagen retten zu können. Dennoch aber dürfte es feststehen: Auch philosophische Wahrheit ist es nicht, die der Glaube zu beanspruchen hat.

Ich habe allerdings den Eindruck, als sei in dieser Frage, ob der Glaube philosophische Wahrheit zu beanspruchen habe, das letzte Wort immer noch nicht gesprochen. Denn in der Theorie geben die Kirchen zwar bereitwillig zu, dass der Glaube diesen Anspruch nicht besitzt, in der Praxis jedoch bleibt diese Aussage auch heute leider vielfach noch ein Lippenbekenntnis, wie sich zum Beispiel in der Frage der Theodizee (vgl. Kap. 7.1.2 und 7.1.3) zeigt. Und gerade aus den Rückzugsgefechten der Kirche in dieser Frage resultieren einige der Probleme, die ich mit der Glaubwürdigkeit unseres Glaubens habe. Sollte seitens der Kirche hier einmal ein klarer Trennungsstrich gezogen werden, wären viele Glaubensprobleme vom Tisch.

Wenn also der Glaube dazu missbraucht wird, auf wissenschaftlichem, historischem oder philosophischem Gebiet Aussagen zu treffen, für diese Aussagen den Anspruch der Wahrheit zu erheben und diese Wahrheit aus der Offenbarung heraus zu garantieren, dann verlässt dieser Glaube seine Ebene der Glaubenswahrheit, auf die allein seine Kompetenz sich erstrecken kann. Dann aber auch setzt dieser Glaube sich unnötigerweise der Gefahr von Irrtümern aus, dann wird er angreifbar, dann gerät er in Gefahr, seine Glaubwürdigkeit auch in Glaubensangelegenheiten einzubüßen.

Diese Feststellung gilt natürlich auch in umgekehrter Richtung. Wissenschaftliche, historische und philosophische Erkenntnisse gehören jeweils ausschließlich zu ihrer Ebene der wissenschaftlichen, historischen beziehungsweise philosophischen Wahrheit. Solche Erkenntnisse dürfen weder zum Fundament von Glaubenswahrheiten erklärt werden, noch eignen sie sich dazu, Glaubenswahrheiten erschüttern zu wollen. Auch gegen diese Regel wird leider nur allzu gern verstoßen.

So überschreitet zum Beispiel ein Tiefenpsychologe seine Sachkompetenz, wenn er aus seinen psychologischen Beobachtungen und Erkenntnissen heraus Aussagen über die menschliche Seele treffen will. Wenn Vertreter weltlicher Disziplinen ihre Grenzen nicht einhalten, kann ich diesen Anspruch zurückweisen, ohne dass mich dies näher berührt. Wenn jedoch die Kirche, der ich in meinem Glauben vertrauen will, diese Grenzen nicht respektiert, dann wird mir dies nicht mehr gleichgültig sein können. Hier muss ich mich selbst betroffen fühlen. Denn einerseits macht die Kirche es damit den Kritikern und Gegnern des Glaubens nur allzu leicht. Und ich auf der anderen Seite, der ich eigentlich meinen Glauben an der Lehre der Kirche ausrichten will, gerate leicht in ernsthafte Gewissenskonflikte, weil ich meinen Glauben nur schwer an dieser Lehre der Kirche ausrichten kann, ohne die Vernunft mit Füßen zu treten.