Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

2.      Zum Begriff des Glaubens
2.2    Glauben in seiner religiösen Bedeutung
2.2.3 Glauben im Sinne von Paul Tillich

Nachdem bisher vom Glauben hauptsächlich der Aspekt des "Für wahr Haltens" betrachtet wurde, will ich auf das wesentlich breitere Spektrum des Begriffes Glauben hinweisen, wie es in dem Büchlein von Paul Tillich (1886-1965) "Wesen und Wandel des Glaubens" dargestellt wird. Aus den beiden ersten Hauptkapiteln "I. Was der Glaube ist" und "II Was der Glaube nicht ist" habe ich versucht, diejenigen Kernsätze herauszusuchen, die die Position von Tillich verdeutlichen:

Glaube ist das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht, ist ein Akt der ganzen Person. Er ereignet sich im Zentrum des persönlichen Lebens und umfasst alle seine Strukturen. Glaube ist der innerste und umfassendste Akt des menschlichen Geistes. Er ist kein Vorgang in einem bestimmten Bereich der Person und keine einzelne Funktion in der Totalität menschlichen Seins. Alle Funktionen des Menschen sind im Akt des Glaubens vereinigt.

Glaube als Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht, ist der zentrale Akt der ganzen Person. Wenn eine der Funktionen, die die Person als Ganze konstituieren, mit dem Glauben identifiziert wird, so ist der Sinn des Glaubens verzerrt. Solche Interpretationen sind nicht völlig falsch, weil jede Funktion des menschlichen Geistes am Akt des Glaubens teilhat; aber die jeweilige Teilwahrheit wird dabei Teil eines umfassenden Irrtums. Das häufigste Missverständnis des Glaubens besteht darin, dass man ihn als einen Akt des Erkennens auffasst, ein Erkennen, dass einen geringeren Grad von Evidenz hat als die wissenschaftliche Erkenntnis. Glaube wird verstanden als die Bejahung einer Sache, die mehr oder weniger wahrscheinlich ist.

(Ein anderes Missverständnis besteht in der Annahme,) dass der Mangel an Evidenz im Glaubensakt durch einen Akt des Willens ausgeglichen wird. Diese These schließt ein, dass der Glaube ein Akt der Erkenntnis mit beschränkter Evidenz ist; nur wenn das so ist, kann der Mangel an Evidenz durch einen Akt des Willens aufgewogen werden. Wie wir sahen, wird diese Beschreibung des Glaubens seinem existentiellen Charakter nicht gerecht.

Die Schwierigkeiten, die auftauchen, wenn man den Glauben entweder als Verstandessache oder als eine Angelegenheit des Willens oder als beides zugleich auffasst, haben dazu geführt, ihn als Gefühl zu interpretieren.

(Doch) Glaube als Zustand des Ergriffenseins von dem, was unbedingt angeht, beansprucht den ganzen Menschen und kann nicht auf die Subjektivität bloßen Fühlens beschränkt werden. Solcher Glaube nimmt "Wahrheit" für sich in Anspruch und fordert Hingabe an das, was unbedingt angeht.
Paul Tillich, Wesen und Wandel des Glaubens

Ferner weist Tillich darauf hin, dass Glaube als das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht, auch einen negativen Aspekt aufweisen kann, indem dieser Glaube auf einen Götzen gerichtet ist. Wir kennen Götzen, denen sich der einzelne von sich aus unterwirft. Als Beispiele könnte man Geld, Macht und Arbeit nennen. Andere Götzen werden den Menschen von außen, etwa in einer Diktatur, gleichsam aufgezwungen. Hier braucht man nur an den extremen Nationalismus des zwanzigsten Jahrhunderts erinnern.

Als typisch an all diesen Götzen zeigt Tillich, dass diese die von ihnen abhängigen Menschen letztlich versklaven, während der christliche Glaube mehr auf die innere Freiheit des Menschen ausgerichtet ist. Was Tillich meines Erachtens aber ignoriert, das ist die Tatsache, dass gerade seine Definition des Glaubens, also auch des christlichen Glaubens, geradezu die Definition einer Ideologie sein könnte. Natürlich wird man hier unterscheiden müssen. Auch darf man sich hierbei die Frage vorlegen, ob Ideologie in jedem Fall ausschließlich negativ zu beurteilen sei oder ob man die Menschen nicht manchmal sogar zu ihrem Glück zwingen müsse. Hier gehen Meinungen sicher auseinander.

Eines hat mir die Definition Tillichs ganz deutlich gezeigt. Wenn ich die Natur des Glaubens beschreiben will, muss ich mich zunächst davor hüten, dass ich nicht einer vordergründigen Einseitigkeit verfalle. Der Glaube wird vielfach durchaus alles andere als eindimensional verstanden. Er sei nicht nur quantitativ mehr, als es etwa mit der einfachen Formulierung "etwas für wahr Halten" ausgedrückt wird, er liege vielmehr qualitativ auf einer völlig anderen Ebene. Nach einer solchen Definition, wie es Tillich versteht, rückt er in die Nähe von Weltanschauung, Ideologie und Fanatismus. Der Glaube beherrscht in diesem Falle den Menschen bis in seine letzten Fasern, und der Mensch unterwirft sich den Forderungen dieses Glaubens.

Wenn ich umgekehrt an die Worte Jesu denke: "Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben." (Joh 8, 24), so kann ich in diesen Worten den Glauben nur in seiner ursprünglichen und profanen Bedeutung als ein "für wahr Halten" verstehen, denn Jesus nennt ja gerade den für wahr zu haltenden Inhalt: "dass ich es bin". Eine andere Betrachtung des Begriffes Glauben finde ich im zweiten Kapitel des Jakobusbriefes, wo gerade das unterschiedliche Gewicht von Glauben und Handeln herausgestellt wurde.

Deshalb bin ich der Meinung, dass die Ausführungen Tillichs, so wertvoll sie auch sind, letztlich etwas einseitig bleiben. Tillich beleuchtet nur die eine, die komplexe Bedeutung des Wortes Glauben, ohne auch nur darauf hinzuweisen, dass dasselbe Wort selbst im religiösen Sinn auch eine berechtigte andere Bedeutung haben kann. Die katholische Kirche übrigens hat früher beim Glauben in erster Linie das für wahr Halten von Glaubensinhalten betont, letztlich den Glaubensgehorsam des einzelnen Christen gegenüber der Kirche. Obwohl dieser Aspekt auch heute noch stark betont wird, weist der katholische Erwachsenenkatechismus von 1985 bereits in eine andere Richtung. Er sagt, dass Glauben ein Weg sei auf Gott zu, ein Wagnis, letztlich eine Liebeserklärung an Gott, der uns zuerst geliebt. Mit diesem Verständnis von Glauben komme ich wesentlich besser zurecht. Als Ortsbestimmung drückt es aus, dass wir auf dem Weg sind. Unsere Situation wird als Wagnis beschrieben. Als Antwort auf die Liebe Gottes wird unsere Gegenliebe genannt. Schöner und treffender könnte man dies kaum ausdrücken.