Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

2.      Zum Begriff des Glaubens
2.2    Glauben in seiner religiösen Bedeutung
2.2.2 Besonderheiten

Als ich die ersten größeren Probleme mit meinem Glauben bekam, versuchte ich, über diese Probleme mit anderen zu sprechen. Ich nannte einige Glaubensaussagen und sagte, dass sie in meinen Augen durchaus problematische Aspekte aufweisen und dass ich da eine gewisse Unsicherheit hätte und Zweifel verspürte. Ich nannte auch die logischen Überlegungen, die für mich hierbei ausschlaggebend waren.

Wenn man die ungeschriebenen Regeln eines Dialoges kennt, sollte man erwarten, dass mein Gesprächspartner auf meine Argumente eingehen und nunmehr seine eigene Argumente dagegen setzen würde, so dass dann ein echter Gedankenaustausch stattfinden könnte. Aber was tut er statt dessen? Er sagt: "Was soll denn das? Glauben besteht doch nicht nur darin, dass man etwas für wahr hält. Glauben ist doch etwas ganz anderes. Glauben beinhaltet doch wesentlich mehr!" Er versucht, mir klarzumachen, dass ich den Begriff des Glaubens gar nicht richtig verstanden, sondern ihn in unzulässiger Weise in seiner Bedeutung verkürzt habe.

Was ist da geschehen? Ganz einfach, die beiden Gesprächspartner haben zwar beide etwas gesagt, das aus ihrer Sicht richtig war, dennoch aber schlichtweg aneinander vorbeigeredet, weil eben jeder ein anderes Glaubensverständnis hatte. Und schon war die Diskussion abrupt abgewürgt, bevor sie überhaupt begonnen hatte. So haben sie die Chance vertan, dass jeder dem anderen in der angesprochenen Frage seine persönlichen Argumente deutlich hätte klarlegen können.

Es sind also nicht allein die unterschiedlichen Glaubensinhalte, an denen sich die Geister scheiden. Wenn etwa der eine an Allah glaubt, der zweite sich von Buddha angesprochen fühlt, und der dritte dagegen seine Hoffnung auf Jesus Christus setzt, dann sind die Glaubensinhalte bereits derart unterschiedlich, dass man sich nicht allzu sehr zu wundern hat, wenn hier Spannungen entstehen, obwohl auch das nicht unbedingt sein müsste. Aber damit nicht genug, die Spannungen können sogar bereits dort beginnen, wo allein der Begriff des Glaubens zu Missverständnissen führen mag.

Über unterschiedliche Glaubensinhalte lässt sich durchaus noch diskutieren. Man muss ja nicht versuchen, den anderen unbedingt zu seiner eigenen Auffassung zu bekehren. Im obigen Fall waren es aber nicht die Glaubensinhalte, worin sich die beiden unterschieden. Nein, hier war es das grundsätzliche Verständnis dessen, was Glaube überhaupt bedeutet und worin Glaube besteht, was sich bei den beiden nicht mehr zur Deckung bringen ließ. Der eine sprach über Glaubensinhalte, der andere hingegen über Glaubensverständnis. Der Dissens war da.

Wie also verstanden die beiden den Begriff des Glaubens? Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass ich glaubenderweise etwas für wahr hielt, dass ich also davon überzeugt war. Dieses Glaubensverständnis geht von der ursprünglichen und profanen Bedeutung des Wortes "glauben" aus. In gleicher Weise hätte ich auch sagen können: "Ich glaube, dass sich die Erde um die Sonne dreht." Diese Art von Glauben ist eine Sache des Verstandes, sie ist ein Akt der Erkenntnis, wobei diese Erkenntnis allerdings unvollkommen ist.

Der andere verstand seinen Glauben ganz anders. Für ihn beinhaltete der Begriff des Glaubens wesentlich mehr als ein bloßes für wahr Halten. Er war vom Glauben in seinem tiefsten Innern aufs Äußerste ergriffen. Für ihn bedeutete Glauben nicht nur quantitativ mehr, für ihn besaß Glauben auch eine ganz andere Qualität. Zu Recht fühlte er sich daher als engagierter Christ in seinem persönlichen Glauben in gravierender Weise unterbewertet, als man diesen Glauben in die Nähe eines bloßen für wahr Haltens zu rücken versuchte. Insofern ist es vollkommen verständlich, dass er auf eine solche Zumutung derart allergisch reagierte.

Mein Gesprächspartner ließ es allerdings nicht bei diesem Dissens bewenden. Es war einige Tage später, da drückte er mir ein kleines Büchlein in die Hand, Paul Tillich, Wesen und Wandel des Glaubens. In diesem Buch zeigte sich ein Glaubensverständnis, das mir bisher fremd gewesen war, das ich ausgesprochen bemerkenswert fand, das ich jedoch nicht ohne weiteres übernehmen konnte. Um zu verdeutlichen, von welchem Glaubensverständnis in diesem Buch ausgegangen wird, werde ich einige Kernsätze herausgreifen und zitieren, die mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig schienen. Die Ausführungen Tillichs gingen natürlich wesentlich weiter. Selbst wenn man der Sicht Tillichs nicht folgen kann, lohnt es sich, das Büchlein im Original zu lesen, was ich jedem nur empfehlen kann.