Dr. Gerhard Schuchhardt

Home

Privat

Buch Glaube

Buch Spiele

Weltall

Beruf

Links

Kontakt

Sitemap

Impressum



Besucher:

Heute: 96
Gesamt: 1061
(seit dem 17.07.2005)

Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

2. Zum Begriff des Glaubens

2.2 Glauben in seiner religiösen Bedeutung

2.2.1 Unterschiedliche Sichtweisen

Für den Glauben gibt es nicht nur den Unterschied zwischen der profanen und der religiösen Bedeutung, vielmehr gibt es auch im theologischen Umfeld unterschiedliche Sichtweisen, zum Teil sogar unterschiedliche Definitionen.

Nach einem traditionellen Glaubensverständnis, das übrigens, soweit ich es beurteilen kann, besonders in der katholischen Kirche gepflegt wird, denkt man, wenn man vom Glauben spricht, vielfach an verbindliche Glaubenssätze, die die Kirche in sogenannten Dogmen formuliert hat, und die hierdurch einen verbindlichen Charakter erhalten haben. Bei diesem Glaubensverständnis wird vom einzelnen Christen erwartet, dass er seinen eigenen persönlichen Glauben nach dem Maßstab versteht und bewertet, wie weitgehend und wie kompromisslos er in Glaubensgehorsam seiner Kirche vertraut. Dieses Glaubensverständnis lehnt sich also sehr stark an den Glauben in seiner profanen Bedeutung des "für wahr Haltens" an.

Das evangelische Glaubensverständnis scheint mir da ganz anders ausgeprägt zu sein. Soweit ich es sehe, denkt man nach evangelischem Glaubensverständnis weniger an die Betonung des Wahrheitsgehaltes und der Verbindlichkeit einzelner Glaubenssätze. Natürlich kennen auch die evangelischen Kirchen ihre Dogmen, und seien es auch nur die Festlegungen aus den ersten Konzilien, die den evangelischen, den katholischen und den orthodoxen Christen gleichermaßen verbindlich sind. Das Schwergewicht im Verständnis des Glaubens scheint jedoch eher von einer verbindlichen Lehrmeinung der Kirche weg und einerseits zum Einzelmenschen in seiner persönlichen Verantwortung, andererseits direkt zu Gott und zu Gottes Wort hin verlagert zu sein. Der einzelne evangelische Christ soll dem Worte Gottes glauben und vertrauen, er wird sich weniger eng an ein kirchliches Lehramt anlehnen. Wenn er an Kirche denkt, so betont er mehr deren dienende Funktion im Auftrage Gottes und nicht so sehr ihre Vollmacht.

Die orthodoxen Kirchen schließlich stehen dogmatisch der katholischen Kirche sehr nahe. Sie setzen ihrerseits jedoch die Schwerpunkte etwas anders. Nicht der Glaube an irgendwelche Dogmen steht für sie im Vordergrund, wenngleich sie diese Dogmen durchaus anerkennen. Wesentlich stärker jedoch betonen sie das rechte Handeln sowie den Gottesdienst, der bei ihnen einen besonders hohen Stellenwert einnimmt.

Zusätzlich zu den Unterschieden im Glaubensverständnis muss man gelegentlich noch etwas anderes beobachten. Sobald nämlich der einzelne durch das Hinzutreten mehrerer gleichgesinnter anderer sich als Teil einer Gruppe fühlt, machen sich gruppenpsychologische Gesetzmäßigkeiten vielfach unangenehm bemerkbar. Und es sind in einer Gruppe fast immer die äußerlich starken und rücksichtslosen Naturen, die für das Verhalten der gesamten Gruppe den Ton angeben.

So findet man in bestimmten Gegenden, dass in einer dörflich-religiösen Gemeinschaft ein von außen kommender Mensch häufig bereits allein deshalb abgelehnt wird und mit größten persönlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, weil er "nicht an unseren Herrgott glaubt". Auf der anderen Seite wiederum findet man bestimmte intellektuelle Kreise, in denen ein Glaubender allein wegen seines Glaubens zur allgemeinen Zielscheibe wird und sich des beißenden Spottes der ganzen Gruppe kaum zu erwehren weiß.

Die Meinungen darüber, welche von diesen beiden geschilderten Verhaltensweisen verwerflicher ist und für den Betroffenen schwerwiegendere Konsequenzen hat, gehen natürlich weit auseinander. In meinen Augen dürfte es jedoch als sicher feststehen, dass eine religiöse Intoleranz mit einem echten und lebendigen Glauben ebenso wenig zu vereinbaren ist wie eine gegen den Glauben gerichtete intellektuelle Intoleranz mit einer wahren und tiefgreifenden geistigen Bildung.