Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

2.1.3 Parallelen zum religiösen Glauben

All diese Aspekte, die für den Glauben in seiner profanen Bedeutung gelten, können auch für den Glauben in seiner religiösen Bedeutung relevant sein. Da auch der religiöse Glaube die Komponente der Glaubensüberzeugung enthält, wenngleich diese nicht im Vordergrund steht, beinhaltet die religiöse Glaubensüberzeugung somit letztlich auch eine Funktion des Verstandes. Wenn ich aber fest davon überzeugt sein will, dass eine Behauptung der Wahrheit entspricht, dann kann ich dem Verstand diese Überzeugung nur sehr schwer befehlen. Auch im Falle des religiösen Glaubens verlangt eine solche Überzeugung gewisse Voraussetzungen, die es dem Verstand erlauben, diese Behauptung als Wahrheit anzuerkennen.

Auch bei dem religiösen Glauben gibt es so etwas wie einen Atlas, nämlich die Heilige Schrift und die Lehre der Kirche. Hierin sind an Stelle der oben erwähnten Länder, Städte, Flüsse und Inseln Einzelheiten für den Glauben verzeichnet, also Glaubensaussagen und Dogmen. Auch hier habe ich mich von der Richtigkeit nicht selbst überzeugt. Im Falle des normalen Atlasses jedoch steht es jedem offen, sich an Ort und Stelle von der Richtigkeit zu überzeugen. Auch gibt es viele Menschen, die dies tun, so dass gravierende Fehler rasch publik würden. Bei den Aussagen des Glaubens hingegen entfällt dieser Mechanismus, es ist grundsätzlich nicht möglich, sich objektiv von der Richtigkeit von religiösen Glaubensaussagen zu überzeugen. Ein Zweifel mag in diesem Fall also nicht von vornherein als unvernünftig bezeichnet werden.

Während mir jedoch die Angaben in meinem Atlas weitgehend gleichgültig sein dürfen, trifft dies für die religiösen Glaubensaussagen in keiner Weise zu. Wenn nämlich mein ewiges Heil davon abhängt, wie ich mich zu diesen Glaubensaussagen stelle, dann können und dürfen sie mir nicht gleichgültig sein.

Wenn ich jedoch versuche, mir darüber klar zu werden, welche Sicherheit oder Unsicherheit hinter diesen Aussagen steht, wenn ich also Argumente dafür und dagegen erwäge, dann kann ich diese Überlegungen teilweise ebenfalls mit Begriffen der Wahrscheinlichkeit versehen. Ich kann mich sogar auf die oben genannten Punkte beziehen, die die Wahrscheinlichkeitserwägungen im Falle des Würfels und des Fußballspieles betreffen.

Auch im Fall des religiösen Glaubens kann ich die unter Punkt 1 erwähnten Unterscheidungen treffen. Als feststehenden, aber mir nicht bekannten objektiven Tatbestand betrachte ich die Wahrheit über Gott. Es ist klar, aus objektiver Sicht ist natürlich jede Glaubensaussage über Gott entweder definitiv wahr oder definitiv falsch. Es sind lediglich wir Menschen, die diese Wahrheit nicht zweifelsfrei erkennen und daher die Richtigkeit einer solchen Aussage allenfalls mit einer entsprechende Wahrscheinlichkeit einschätzen können.

In dieser Hinsicht liegt der Vergleich mit dem bereits beendeten Fußballspiel, dessen Ergebnis noch nicht bekannt ist, oder mit einem noch unter dem Würfelbecher verborgenen Würfel recht nahe. Eine Wahrscheinlichkeit über religiöse Glaubensaussagen kann ich selbst jedoch allenfalls subjektiv einschätzen. Der Fall einer objektiv ermittelten Wahrscheinlichkeit wäre allenfalls dann gegeben, wenn kompetente Fachleute objektiv und ohne Vorurteil alle Argumente für und gegen eine Glaubensaussage sorgfältig gegeneinander abwägen und hieraus ein Urteil abgeben würden. In der Regel liegen jedoch subjektive Einschätzungen vor. Hierbei kommt es vor, dass der gleiche Mensch verschiedene Glaubensaussagen unterschiedlich beurteilt. So kenne ich gläubige Menschen, die aber zum Beispiel die Lehre vom Fegefeuer bezweifeln.

Obwohl also alle Aussagen über Gott entweder definitiv wahr oder aber definitiv falsch sind, kann der Beurteilende, wenn er nach dem Wahrheitsgehalt dieser Aussagen fragt, anhand der diversen Argumente, die ja nicht zwingend sind, lediglich in Form einer Wahrscheinlichkeit urteilen.

Die Feststellungen zur Festigkeit eines Glaubens kann man nahezu unverändert auch auf den religiösen Glauben übertragen. Wenn jemand die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Glaubensaussage der Wahrheit entspricht, hoch einschätzt, könnte man bei ihm von einem einigermaßen festen Glauben sprechen. Auch die Feststellung, dass man einen Glauben in diesem Fall als vernünftig ansehen kann, gilt hier wie dort.

Von besonderer Bedeutung jedoch sind die Feststellungen zum Begriff des sogenannten Erwartungswertes. So wird ein vernünftiger Mensch sicher nicht leichtfertig unter eine schwebende Last treten, selbst wenn man ihm glaubhaft versichert, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Absturz der Last weit niedriger als einem hundertstel Prozent ist. Und gerade dieses Beispiel passt sehr gut, wenn wir die Wahrheit über Gott suchen. Vielleicht mag ein Mensch bestimmte Annahmen über Gott von seinem Verstand her als äußerst unwahrscheinlich ansehen, aber die drohende schwebende Last, nämlich die Frage nach seinem ewigen Heil, könnte ihn in dieser Hinsicht recht vorsichtig sein lassen.

Es ist also nicht die nackte Wahrscheinlichkeit allein, die uns zu einem Urteil bewegt, es kommt noch etwas hinzu, nämlich die Höhe des möglichen Ergebnisses, die mit der Wahrscheinlichkeit zu multiplizieren ist. Dies gilt auch in der Frage des religiösen Glaubens, nur dass die Relationen in diesem Fall noch wesentlich krasser sind. Der Einsatz beträgt nicht etwa wenige Euro, die jeder leicht verschmerzen könnte, sondern umfasst das ganze Leben in einer kaum zu überbietenden Totalität. Der versprochene Lohn andererseits beträgt noch weit mehr. Wollte man ihn beziffern, müsste man ein unvorstellbar Vielfaches des Einsatzes ansetzen. Ebenso ist die angedrohte Alternative, die sogenannte Höllenstrafe, von ebensolcher unvorstellbaren Größe. Hieraus folgt, wieder vom Standpunkt der Statistik gesehen, dass der Gehorsam gegenüber den Forderungen des religiösen Glaubens unbedingt sinnvoll erscheint, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit der Glaubensaussagen noch so gering ausfallen sollte. Diesen Sachverhalt hat bereits Blaise Pascal (1623-1662) so treffend bei seiner "Wette um die ewige Seligkeit" ausgeführt. Natürlich stellt der Mensch normalerweise, wie auch beim Lotto, keine formelle Wahrscheinlichkeitsbetrachtung an, er erfasst die Zusammenhänge vielmehr intuitiv, dies führt jedoch in der Regel zu ähnlichen Ergebnissen.

Nachdem ich mich derart ausführlich über Wahrscheinlichkeiten ausgelassen habe, muss ich diese Art der Betrachtung stark relativieren. Natürlich sagt eine derartige subjektive Wahrscheinlichkeit nichts aus über die wirklichen Fakten. Es handelt sich nicht einmal um eine objektiv ermittelte Wahrscheinlichkeit, wie man sie etwa bei Kenntnis aller Voraussetzungen aus diesen ableiten könnte. Es ist vielmehr ein ganz individueller Wert, der die subjektive Einschätzung des einzelnen kennzeichnet und der bei jedem Menschen anders ausfällt.

Wenn wir Menschen über Gott reden, ist unsere Aussage stets subjektiv. Denn wie immer man es dreht und wendet, allein schon darüber, ob die tatsächliche Existenz eines persönlichen Gottes sich schlüssig beweisen lässt, sind sich nicht einmal die Experten einig. Es bleibt vielmehr der persönlichen Entscheidung des einzelnen überlassen, ob er an Gott glaubt oder nicht, ferner, welche konkreten Glaubensinhalte er damit verbindet. Ob ihn bei dieser Entscheidung eine verstandesmäßige Vermutung leitet oder nicht, es bleibt eine Entscheidung, deren Richtigkeit nicht eindeutig ist. Wie hoch oder wie niedrig auch im Einzelfall die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit dieser Aussage eingeschätzt werden mag, es ist und bleibt eine Annahme bei vorhandener Ungewissheit und es wird niemals ein positives Wissen sein.

Wenn ein Mensch nach der Wahrheit über Gott fragt, wird und muss er diese Unsicherheit spüren. Diese subjektive Unsicherheit beruht auf einer Einschätzung von Seiten seines Verstandes. Auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist, der Verstand sondiert im Unterbewusstsein die Argumente für und gegen einen Glaubensinhalt und fällt gegebenenfalls eine Entscheidung, und zwar eine Glaubensentscheidung. Im Idealfall erfolgt hierbei eine Wahrscheinlichkeitserwägung; und die Annahme, die den höheren Grad von Wahrscheinlichkeit auf ihrer Seite zu haben scheint, wird eher geglaubt. Da dieses Urteil nur sehr bedingt unserem Willen unterworfen ist, dürfte es problematisch sein, die Tatsache des profanen Glaubens oder Nichtglaubens von religiösen Glaubensinhalten moralisch zu bewerten, wie es in der Religion vielfach geschieht.