Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

2.1.2 Voraussetzungen für den Glauben im Alltagsbereich

Betrachtet man den Glauben in seiner profanen Bedeutung, die sich durch die Umschreibung "etwas für wahr halten" wiedergeben lässt, so bedarf dieser Glaube bestimmter Voraussetzungen. Derartige Voraussetzungen mögen im Einzelfall auch beim religiösen Glauben eine gewisse Bedeutung besitzen. Um dort die Parallelen, aber auch die Unterschiede besser verdeutlichen zu können, behandle ich zunächst den Alltagsbereich.

Wenn ich einen Atlas zur Hand nehme, dann finde ich in diesem Atlas Länder, Städte, Flüsse und Inseln, die ich noch nie in meinem Leben besucht habe. Dennoch glaube ich, dass diese Länder, Städte, Flüsse und Inseln existieren, und dass sie sich auch dort befinden, wo sie in meinem Atlas eingetragen sind. Obwohl ich mich also nicht selbst von der Richtigkeit dieser Eintragungen überzeugt habe, wäre es doch höchst unvernünftig, wollte ich an ihr zweifeln.

Andererseits jedoch sind mir die meisten dieser Länder, Städte, Flüsse und Inseln gleichgültig, sie interessieren mich nicht. Ich klappe vielmehr meinen Atlas wieder zu und habe diese Gegenden fast auch schon wieder vergessen. Aber ich glaube an sie, ich glaube an sie in genau dem Sinne, wie es dem Begriff des Glaubens in seiner ursprünglichen und profanen Bedeutung entspricht: ich halte es für wahr, dass diese Eintragungen richtig sind. Ich hege nicht einmal den geringsten Zweifel daran, dass diese Eintragungen, von kleineren Ungenauigkeiten abgesehen, korrekt erfolgt sind. Meine Glaubensüberzeugung hierzu ist absolut.

In anderen Fällen ist eine Glaubensüberzeugung zwar auch vorhanden, aber weniger stark ausgebildet. Denn wenn wir Menschen irgendwelche Feststellungen treffen, dann sind derartige Aussagen häufig mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Wenn etwa ein kompetenter Fachmann nach ausgiebiger Überprüfung ein Urteil abgibt, so mag es sicher angebracht sein, ihm zu glauben, wenn auch noch eine gewisse Unsicherheit vorhanden ist.

Die Stärke einer solchen Glaubensüberzeugung lässt sich grundsätzlich in Form einer Wahrscheinlichkeit darstellen. Ob es im Einzelfall möglich ist, diese Wahrscheinlichkeit zu beziffern, ist eine andere Frage.

1. Zunächst sind einige Unterscheidungen zu treffen. Es ist zu unterscheiden zwischen
a) einem feststehenden, aber nicht oder noch nicht bekannten Tatbestand,
b) einer objektiven Wahrscheinlichkeit und
c) einer objektiven oder auch subjektiven Einschätzung dieser Wahrscheinlichkeit beziehungsweise dieses Tatbestandes

Als Beispiel hierfür mag ein normaler Würfel dienen. Hierbei setze ich voraus, dass dieser Würfel keine Unregelmäßigkeiten besitzt, dass also die einzelnen Zahlen tendenziell gleich häufig eintreffen.
a) Der Fall eines feststehenden, aber nicht oder noch nicht bekannten Tatbestandes liegt dann vor, wenn der Würfel bereits geworfen wurde, das Ergebnis jedoch noch unter dem Würfelbecher verborgen ist.
b) Der Fall einer objektiven Wahrscheinlichkeit liegt dann vor, wenn der Würfel noch nicht geworfen wurde. In diesem Fall beträgt die objektive Wahrscheinlichkeit dafür, eine Sechs zu würfeln, gerade ein Sechstel, also circa 17 Prozent.
c) Aus der Sicht des Beurteilenden spielt es grundsätzlich nicht die geringste Rolle, ob es sich um einen bereits feststehenden Tatbestand oder um ein Ereignis aus der Zukunft handelt. Die Einschätzung des Beurteilenden ist dann objektiv, wenn alle bekannten Umstände korrekt berücksichtigt wurden. Sind hierbei alle Umstände bekannt, so entspricht diese objektive Einschätzung der objektiven Wahrscheinlichkeit. Seine Einschätzung ist dann subjektiv, wenn er zum Beispiel die Vorstellung hat, zur Zeit eine Glückssträhne zu besitzen, oder sich umgekehrt als Pechvogel ansieht.

2. Was bei diesem Beispiel mit dem Würfel ganz einfach ist, weil die Wahrscheinlichkeiten sich leicht berechnen lassen, liegt in anderen Fällen nicht derart deutlich auf der Hand. Im Falle des Arztes, der eine Diagnose stellt, steht die richtige Diagnose natürlich als Tatbestand fest. Wie groß jedoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Arzt in der Lage ist, die richtige Diagnose zu stellen, lässt sich nicht so leicht angeben. Auch das Ergebnis eines schon beendeten Fußballspieles steht bereits fest. Solange es jedoch nicht bekannt ist, kann man nur mit Wahrscheinlichkeiten operieren. Bei diesem Beispiel aber wird besonders deutlich, wie sehr jemand, der eine bestimmte Erwartung hegt, das Ergebnis seiner Einschätzung damit verfälschen kann. Beobachtet man nicht immer wieder, dass Fans vom Sieg ihrer eigenen Mannschaft felsenfest überzeugt sind!

Die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, also die Stärke einer Glaubensüberzeugung lässt sich natürlich nicht direkt messen. Im Einzelfall mag es jedoch möglich sein, einen Anhaltspunkt hierzu zu erhalten. Wenn nämlich der Betreffende bereit ist, 80 Euro gegen 20 Euro auf das Ergebnis zu wetten, umgekehrt jedoch auch bereit wäre, 20 Euro gegen 80 Euro dagegen zu setzen, wird man die Wahrscheinlichkeit, mit der seine Überzeugung zu kennzeichnen ist, mit 80 Prozent angeben können.

In diesem Zusammenhang ist auch der Begriff des sogenannten Erwartungswertes zu betrachten. Im obigen Beispiel wird ein Gewinn von 20 Euro erwartet, und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent, was einem Erwartungswert von 16 Euro entspricht. Umgekehrt wird ein Verlust von 80 Euro einkalkuliert, aber nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent, was ebenfalls einem Erwartungswert von 16 Euro entspricht, so dass bei dieser Wette das Risiko ausgeglichen erscheint.

Oftmals neigen Menschen dazu, Risiken einzugehen, bei denen dieser Ausgleich nicht vorliegt. So können beim Lotto mit geringem Einsatz durchaus Millionenbeträge gewonnen werden. Bei dem Spiel von Sechs aus Neunundvierzig ist jedoch von etwa vierzehn Millionen Zahlenkombinationen nur eine richtig, so dass die objektive Wahrscheinlichkeit verschwindend klein ist. Der Erwartungswert hierbei erreicht nicht einmal ganz den halben Einsatz. Dennoch denkt und hofft fast jeder, es könnte doch auch ihn einmal treffen. Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit bestimmter Unfälle recht gering, das Ergebnis jedoch, etwa sein Leben zu verlieren, ist derart schwerwiegend und eigentlich kaum zu beziffern, so dass man trotz der geringen Wahrscheinlichkeit den Erwartungswert recht hoch anzusetzen hat. Obwohl man daher sinnvollerweise dieses Risiko meiden sollte, gehen Menschen aus Leichtsinn oder gar bewusst dieses Risiko ein.

Bei einer Einschätzung der Wahrscheinlichkeit auf mehr als 99 Prozent könnte man von einem recht festen Glauben sprechen, umgekehrt bei einer Einschätzung auf weniger als 1 Prozent von einem ebenso festen Nicht-Glauben. Bei einer Einschätzung im Bereich von 30 bis 70 Prozent wäre der Begriff des Zweifels angebracht. Natürlich will ich mich nicht auf diese Zahlenwerte von 1, 30, 70 und 99 festlegen, mit diesen Zahlen will ich nur verdeutlichen, in welcher Weise der Begriff des profanen Glaubens auch von Wahrscheinlichkeiten mitbestimmt sein mag, ohne dass wir uns dessen stets bewusst sind.