Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

1.5 Vorgeschichte

Um verständlich machen zu können, wie ich zu meinen heutigen Auffassungen gekommen bin, will ich diejenigen Etappen meines Lebens kurz anreißen, die für die Ausprägung meines Glaubens wesentlich gewesen sind.

Meine Eltern haben mich als Kind katholisch taufen lassen, und sie haben mich sodann katholisch erzogen. Diese Erziehung hat natürlich meine Persönlichkeit und meinen Charakter wesentlich geprägt. Dafür bin ich meinen Eltern aus tiefsten Herzen dankbar. Ich habe zwar aus heutiger Sicht hierzu einige Anmerkungen zu machen, andererseits wäre ich jedoch sonst nicht zu dem geworden, was ich heute bin. Was aus der Sicht eines kritischen Geistes an den Inhalten dieses Glaubens auch immer auszusetzen sein mag, für meine persönliche Entwicklung hat mir dieser Glaube derart viel gegeben, dass ich dies niemals missen möchte.

Mein Vater hatte auf meine Erziehung nur wenig Einfluss, da ich ihn gleichsam nur zu Festtagen erleben durfte. Er hatte eine berufliche Verpflichtung angenommen, auf Grund derer er für einige Jahre in eine andere Stadt delegiert wurde. Als diese Zeit endlich abgelaufen war und er auf immer nach Hause zurückkommen sollte, brach der Krieg aus, und seine Verpflichtung wurde auf unbestimmte Zeit verlängert. Gegen Ende des Krieges kam auch er an die Front. Er kehrte nicht zurück.

Meine Mutter war eine fromme Frau. Besonders ein in unserer Nähe gelegenes Kloster hatte es ihr angetan. Oft und gern ging sie in stillen Stunden dorthin. Ihren Glauben und ihre Vorstellungen hat sie weitgehend an mich weitergegeben.

Mit der Art dieser Erziehung waren für mich auf viele Jahre im voraus die entscheidenden Weichen gestellt. Denn die Lehre der katholischen Kirche, wie ich sie damals verstanden habe, sagte mir, was ich zu tun und zu glauben hätte. Sie sagte mir ferner, dass die volle Wahrheit über Gott sowie der Weg zu meinem ewigen Heil einzig und allein bei der katholischen Kirche zu finden sei. Natürlich versäumte es die Kirche nicht, mir die strengsten Strafen für das Jenseits anzudrohen für den Fall, dass ich ihren Forderungen nicht nachkäme.

Eines ist bei meiner Erziehung allerdings offensichtlich schief gegangen, und ich weiß heute noch nicht, warum. Während nämlich meine Mutter aus ihrem Glauben nicht nur Freude und Glück, sondern auch eine tiefe innere Sicherheit schöpfen konnte, ist mir dies nicht gelungen. Freude und Glück fand auch ich im Glauben, doch blieb im Innern stets ein Stachel der Unsicherheit. Dies empfand ich umso deutlicher, als mein Streben stets auf Sicherheit bedacht war, wie sich auch inmeinem späteren Lebenslauf immer aufs Neue zeigte. Dreh- und Angelpunkt dieser Unsicherheit war die Angst vor der Hölle. Wenn ich auch ein ganzes Leben langbemüht wäre, den Ansprüchen des Glaubens nachzukommen, so würde doch, so war meine stete Befürchtung, eine einzige schwere Verfehlung mich auf ewig scheitern lassen, wenn ich durch Zufall gerade kurz nach einer solchen sterben würde, bevor ich Gelegenheit hätte, wieder auf den rechten Weg zurückzukommen.

So habe ich die Kirche und meinen katholischen Glauben damals erlebt und empfunden. Was mir damals eingeprägt wurde, davon konnte ich mich in manchen Punkten auch später nur schwer lösen. Heute gibt die katholische Kirche sich wesentlich toleranter, wozu besonders das Zweite Vatikanische Konzil beigetragen hat. Und selbst dort, wo die offizielle Kirche diese Grenzen schon wieder enger sieht, da findet man heute manchen Seelsorger, der aus seiner pastoralen Verantwortung heraus selbst diese Grenzen noch überschreitet, wenn er damit echte Lösungen anbieten kann für die Gewissensprobleme des einzelnen Christen.

Mir wurde nicht bewusst, dass ich mit meiner Vorstellung gleich zwei Irrtümern zugleich unterlag. Einmal war mir das Wesen dessen, was die Lehre der Kirche als schwere Sünde ansieht, nicht ausreichend klar, so dass ich mich stets von schweren Sünden umgeben sah. Zum anderen jedoch sah ich bei meinem Gottesbild stets eher den strengen Richter, denn den liebenden Vater, der selbst den in Sünde und Schuld gefallenen nicht aufgibt.

Ich vermute, dass auch zur Zeit meiner Kindheit die enge Sicht, wie ich sie erlebt habe, sicher nicht überall in gleichem Maße vertreten, ja, vielleicht nicht einmal typisch war. Denn vermutlich gab es diese Seelsorger auch damals, nur habe ich sie seinerzeit nicht erlebt. So nahm ich denn dies alles äußerst ernst.

In meiner Jugend wollte ich ursprünglich den Priesterberuf ergreifen. Auf Anraten unseres Gemeindepriesters, der selbst Ordensgeistlicher war, besuchte ich das Gymnasium in einem Internat dieses Ordens. Dieses Internat war ausschließlich auf den Priesternachwuchs dieses Ordens ausgerichtet. Diese Zeit im Kloster hat mein weiteres Leben deutlich geprägt. Es waren übrigens fünf Jahre, und ich zähle diese zu den schönsten Jahren meiner Jugend.

Wie ich heute erkenne, war es mir eigentlich weniger ein wirkliches Bedürfnis, das mich zum Priestertum drängte. Vielmehr waren es eine innere Unsicherheit, die Neigung zu Skrupeln, vor allem aber die Angst vor den Strafen des Jenseits, die mich auf diesen Weg wiesen. Das Bewusstsein, dass ein Leben ohne Sünde nicht möglich ist, und der Gedanke, dass ich bei meinem späteren Tod möglicherweise im Stande der Sünde sein und daher der Hölle anheimfallen möge, ließen mich nicht los. Um dieser Gefahr möglichst aus dem Wege zu gehen, strebte ich diesen Beruf an, so wie man etwa eine Versicherung abzuschließen pflegt. Wie weit allerdings dieser Beruf von meiner Sicherheitsvorstellung entfernt ist, entging mir völlig.

Dass ich dennoch nicht Priester geworden bin, habe ich hauptsächlich einem geistlichen Betreuer zu verdanken. der mir den Rat gab, meinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechend einen naturwissenschaftlichen Beruf anzusteuern. Wenn Gott mir diese Fähigkeiten in so ausgeprägter Weise gegeben habe, so sagte er, dann sei es sicher auch sein Wille, dass ich diese in meinem späteren Beruf nutzen solle. Und so gab ich denn, wenn auch mit einem gewissen Bedauern, meine bisherige Berufsvorstellung auf.

Nach Verlassen des Klosters hatte ich das Gymnasium beendet, studiert und geheiratet. Zwei Kinder wurden uns geschenkt. Bezüglich des Glaubens jedoch blieb zunächst alles unverändert. Ich besuchte jeden Sonntag die Kirche, ging regelmäßig zu den Sakramenten und versuchte ansonsten, so wie ich es verstand, als Christ zu leben. Ich glaubte kritiklos, was die Kirche mich zu glauben hieß. Ansonsten aber spielte die Kirche, spielte der Glaube und spielte auch Gott in meinem Leben nur eine Nebenrolle.

Eine Änderung ergab sich erst, als das Konzil den Laien in der Gemeindearbeit ein größeres Gewicht zubillige. Ich engagierte mich im Pfarrgemeinderat, auf dem Gebiete der Ökumene sowie in der Erwachsenenbildung. Konsequenterweise betrieb ich auch die eigene theologische Fortbildung, wozu ich Vorträge sowie diverse Literatur nutzte. Ferner nahm ich an einem Fernkurs für Theologie teil, der im Auftrag der deutschen Bischofskonferenz von der Diözese Würzburg herausgegeben wurde und mit Grundkurs und Aufbaukurs etwa drei Jahre dauerte. Er wurde von Arbeitskreisen, Studienwochen und Studienwochenenden begleitet und durch entsprechende Prüfungen abgeschlossen.

Es ergab sich von selbst, dass bei dieser intensiven Beschäftigung mit Glaubensfragen auch kritische Themen nicht ausgeklammert werden konnten. Hierbei stieß ich sodann auf Probleme, die ich nicht mehr in mein bisheriges Glaubensschema einfügen konnte. Jahrzehnte lang hatte ich meinen Glauben für fest und unerschütterlich gehalten. Fest glaubte ich an alles, was die katholische Kirche mir zu glauben auferlegte. Argumente, die gegen den Glauben vorgebracht wurden, erschienen mir als töricht. Sie entlockten mir allenfalls ein mitleidiges Lächeln, wie es vielleicht auch die von Jesus zitierten Pharisäer gezeigt hätten. Es war mir fast unverständlich, wenn ich sehen musste, dass andere Menschen diesen Glauben nicht teilten. Für mich war es fast so, als wären solche Menschen irgendwie blind, als würden sie nicht sehen, was doch offen vor ihren Augen lag.

Plötzlich jedoch zeigte sich, dass diese meine Glaubensfestigkeit nicht ebenfalls auch einer entsprechenden Glaubensstärke gleichzusetzen war, wie ich vielleicht angenommen hätte. Die Festigkeit meines Glaubens beinhaltete nämlich eher eine gewisse Starrheit, die nicht flexibel nachgeben, sondern allenfalls brechen konnte, sobald sie entsprechend gefordert wurde. All die Jahre war sie nicht gefordert worden. Als sie aber gefordert wurde, begann ich, unsicher zu werden.

Es war kurz nach Abschluss dieses Fernstudiums. Der Bruch, wie ich es nennen möchte, kam plötzlich und war für mich für mich völlig überraschend. Wenige Tage zuvor noch hatte ich im Gottesdienst die Kommunion ausgeteilt, und das konnte ich natürlich nur solange tun, als ich mich fest im Glauben sah. Plötzlich jedoch verlor dieser Glaube in meinen Augen seine selbstverständliche Evidenz, und eine gewisse Unsicherheit machte sich breit.

Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass der Inhalt einzelner zentraler Glaubenssätze unseres christlichen Glaubensbekenntnisses zu echten Widersprüchen tendiert. Diese Widersprüche könnten nicht ohne weiteres aufgelöst werden, wolle man nicht seine Zuflucht zu geradezu unverantwortlichen geistigen Klimmzügen nehmen.

Heute verstehe ich meinen Glauben anders, als ich ihn früher verstanden habe. Heute schätze ich mich glücklich, ein Glaubensverständnis gefunden zu haben, in das sogar alle bisherigen Einwände, Widersprüche und Irrtümer Eingang gefunden haben, und zwar nicht als Gegensatz zu einer objektiven Wahrheit, sondern vielmehr als untrennbares Element dieser Wahrheit selbst. Rillich hat dies folgendermaßen formuliert:

Glaube ist Mut, der Zweifel überwindet,
nicht indem er den Zweifel verdrängt,
sondern, indem er ihn in sich aufnimmt
als ein Element seiner selbst.

Zunächst einmal gab es für mich einige Veränderungen. Wenn das Ganze sich auch in meinem Inneren abgespielt hatte, so gab es doch etliche aus meiner Sicht zwingende Konsequenzen, die nach Außen sichtbar wurden. Als erstes ließ ich mich von der weiteren Austeilung der Heiligen Kommunion, wo bereits der Plan für die nächsten Monate aufgestellt war, befreien. Dies hielt ich für das Wichtigste, denn dies betraf meine Beziehung zu Gott.

Natürlich gab es noch weitere Konsequenzen. Ich führte also mit unserem Gemeindepfarrer ein vertrauliches Gespräch, in dem ich ihn informierte, dass ich aus der Kirche austrete, und aus welchen Gründen dies geschehe. Denn ohne Glaubensüberzeugung hätte ich eine weitere Mitgliedschaft in der Kirche für unehrlich gehalten. Dem Vorsitzenden des Pfarrgemeinderates teilte ich zunächst lediglich mein Ausscheiden aus dem Pfarrgemeinderat mit, so dass ein Ersatzmitglied nachrücken konnte. Ebenso habe ich auf die weitere Mitarbeit im Vorstand des katholischen Bildungswerkes verzichtet, um diesen nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

Dass ich in dem ökumenischen Ausschuss nicht mehr den Vorsitz weiter in Anspruch nehmen durfte, wollte ich den Ausschuss nicht desavouieren, verstand sich für mich von selbst. Ich blieb aber weiterhin Mitglied des Ausschusses, und das hatte einen ganz bestimmten Grund. Denn wenn ich mich auch von der Kirche selbst zurückgezogen hatte, die Ökumene war und ist für mich nach wie vor ein persönliches Anliegen, weil es hier auch die Beziehung zwischen Menschen geht. Selbst nach Beendigung der Wahlperiode haben sowohl unser Gemeindepfarrer als auch der Pfarrgemeinderat mich trotz meines Kirchenaustritts erneut für den Ausschuss vorgeschlagen, so dass ich diese Aufgabe auch weiterhin wahrnehmen konnte. Eine derart tolerante Entscheidungen wäre sicher nicht in jeder Gemeinde denkbar, und sie verdient schon Achtung.

Man möge nun nicht annehmen, dass für mich nunmehr alles klar gewesen wäre. Die Entscheidungen, die ich getroffen hatte, waren notwendig gewesen, daran bestand für mich kein Zweifel, denn was ich im Inneren glaubte, das wollte, ja, das musste ich auch nach Außen hin bekennen. Sodann aber habe ich mehr als fünf Jahre dazu benötigt, um irgendwie Ordnung in meine Sicht der Dinge zu bringen und zum Glauben wieder zurückzufinden, nicht zu meinem ursprünglichen, eher erstarrten Glauben, sondern zu einem neuen Glaubensverständnis. Ich hoffe, dass dieses neue Verständnis zugleich auch ein besseres sein mag. Denn ob meine Einsichten richtig sind, dessen kann ich mir nie sicher sein. Diese Sicherheit hatte ich damals nicht, ich habe sie heute nicht, und ich werde sie vermutlich auch niemals besitzen.