Dr. Gerhard Schuchhardt

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Diese Seiten wurden zuletzt aktualisiert am 13.05.2012

 

1.4 Vielleicht doch ein Glaubender ?

Für die Frage, ob und in welcher Hinsicht ich zu Recht als ein Gläubiger, und ob und in welcher Hinsicht ich zu Recht als ein Ungläubiger zu gelten habe, gibt es verschiedene Ansätze:

Als erstes wähle ich den bereits erwähnten formellen Ansatz. Er beruht auf der Tatsache, dass in der deutschen Sprache mit dem Wort Glaube unterschiedliche Dinge bezeichnet werden können. Versteht man Glauben profan als einen Vorgang aus dem Bereich der Erkenntnis, so besagt das Wort Glauben nicht mehr und nicht weniger, als dass jemand die Richtigkeit oder Wahrheit einer Aussage zwar nicht erkennen kann, diese Aussage aber dennoch für richtig bzw. für wahr hält. Ein Ungläubiger wäre hiernach ein Mensch, dem die vorgebrachten Argumente nicht zwingend einleuchten und der daher die entsprechende Aussage nicht für wahr hält. Hier mag noch ein gewisser Interpretationsspielraum vorliegen, je nachdem, ob man hier den Zweifler noch mit einbezieht oder ob man nur die volle Ablehnung erfassen will. Sofern man also Glauben mit dem profanen Begriff des für wahr Haltens beschreibt, ihn also als eine Funktion des Verstandes ansieht, zwingt mich eben dieser Verstand, wesentliche Teile der christlichen Glaubenslehre zu relativieren. Nach diesem Verständnis des Begriffes Glaubens glaube ich nicht, bin ich also ein Ungläubiger, zum mindesten jedoch ein Zweifler.

Diese Darstellung zeigt jedoch nur einen Aspekt des Begriffes Glauben. Wenngleich dieser Aspekt nicht gerade der wesentlichste ist, sollte man ihn keinesfalls übersehen. Denn auch der religiöse Glaube hat immer auch etwas mit Überzeugung zu tun, er berührt also stets auch die Ebene einer mehr oder weniger ausgeprägten Erkenntnis. Der andere Aspekt jedoch scheint mir ungleich wichtiger zu sein.

Den zweiten Ansatz will ich den religiösen oder biblischen Ansatz nennen. Auch in der Bibel werden dem Begriff Glauben unterschiedliche Bedeutungen unterlegt. Den somit erweiterten bzw. transformierten Aspekt des Begriffes Glauben findet man in der Bibel an verschiedenen Stellen, zum Beispiel im zweiten Kapitel des Jakobusbriefes. Hieraus ließe sich schließen, dass ein Mensch durchaus im profanen Sinne auf der Erkenntnisebene als ein Ungläubiger zu verstehen sein mag, weil er gewisse Glaubensaussagen nicht für wahr hält. Genauer gesagt, er ist nicht davon überzeugt, dass diese Aussagen von Gott stammen, sondern er hält sie für Menschenwerk. Ich frage mich in der Tat, ob es nicht zulässig sei, es durchaus als Glauben im religiösen Sinn zu verstehen, wenn jemand vom Verstand her bestimmten Glaubenssätzen nicht zustimmen kann, jedoch die Entscheidung trifft, das Wort Jesu zu akzeptieren und dementsprechend sein Leben hiernach auszurichten.

Aber selbst, wenn ich in die Heilige Schrift, speziell in die Evangelien schaue, finde ich darin keine Stelle, wo Jesus den Glauben an bestimmte Aussagen dogmatischer Art fordert, indem er etwa sagte: "Ihr müsst glauben, dass Gott diese oder jene Eigenschaft besitzt." Forderungen sind fast ausschließlich auf das Handeln gerichtet. Wenn Gott im Alten Testament Opfer zurückweist, dafür aber Gerechtigkeit fordert, so weist dies in eine ähnliche Richtung. So verstanden bedeutet Glauben ein kompromissloses Bejahen des von Jesus geforderten Handelns. Die Forderungen Gottes aus dem Alten Testament brauche ich hier nicht eigens erwähnen, da sie in den Forderungen Jesu ohnehin enthalten sind. Die Betonung bei all dem liegt darin, dass Handeln gefordert wird. BR>
Natürlich kann ich für mich nicht in Anspruch nehmen, dass ich dieser Forderung Jesu voll nachkäme. Ich akzeptiere diese Forderungen, ich versuche, sie zu erfüllen. Wenn ich dies als mein Glaubensbekenntnis bezeichnen darf, so halte ich dieses, so sehr es vom üblichen Schema abweicht, für echt. Andererseits muss ich es gleichermaßen akzeptieren, dass man mich in einem anderen Sinne auch zu Recht als ungläubig bezeichnen darf.

Für mich hat Glauben eine andere Qualität. Aussagen über Gott, die ich nach den Forderungen einer Dogmatik für wahr halten sollte, halte ich angesichts des großen Geheimnisses "Gott" für nicht angemessen. Natürlich ist und bleibt für mich die Frage nach Gott die wichtigste Frage, die es überhaupt für mein Leben gibt. Ich sehe in Gott meinen Vater, ich vertraue ihm, ich fühle mich geborgen. Da ich mein Leben als ein wunderbares Geschenk verstehe, empfinde ich Dankbarkeit ihm gegenüber. Sodann bemühe ich mich, so zu leben, dass mein Leben dem, was ich als Gottes Willen verstehe, möglichst nahe kommt.

So übe ich eine gewisse Zurückhaltung gegenüber einzelnen Aussagen dogmatischer Art, die vielfach als wesentliche Glaubensinhalte angesehen werden. Dies tue ich allerdings nur dort, wo diese Aussagen mir unplausibel erscheinen oder mich gar zu Widersprüchen führen, die ich guten Gewissens nicht mehr vertreten kann. Wenngleich eine derart differenzierte Haltung, verbunden mit einem engagierten Eintreten für die Sache Gottes, möglicherweise sogar als lebendiger Glaube verstanden werden darf, kann sie nach dem traditionellen Verständnis auch als Unglaube interpretiert werden. Dies muss ich in Kauf nehmen.

Da also in der deutschen Sprache unter dem Wort Glauben unterschiedliche Begriffe verstanden werden, einmal der Begriff des "Für-wahr-Haltens", zum anderen der äußerst komplexe Begriff des religiösen Glaubens, ganz abgesehen von der Frage, was in den Augen Gottes als Glauben angesehen wird, ist es natürlich kein Wunder, dass man unter "Glaubensbekenntnis" und "Ungläubiger" zwar zwei Gegenpole, nicht jedoch unbedingt auch einen begrifflichen Gegensatz verstehen muss, bei dem das eine das andere grundsätzlich ausschließt. Versteht man also den Glauben als einen wesentlichen Akt der Lebensentscheidung, so verdeutlicht man mit dem Begriff Glauben, wo und wie der betreffende Mensch das wesentliche Zentrum seines Lebens versteht. In diesem Sinne halte ich mich für einen Gläubigen. Im übrigen behandle ich das Thema Glauben etwas ausführlicher in Kapitel 2 "Begriff des Glaubens" und Kapitel 3 "Zum Glaubensinhalt".

Ich schreibe jedoch nicht nur über den Glauben. Vielmehr stand und stehe ich in ständiger Auseinandersetzung mit diesem Glauben, mit den einzelnen Aussagen dieses Glaubens, mit den lebensbestimmenden Inhalten und Konsequenzen dieses Glaubens. Gerade weil ich die Glaubensinhalte mit dem Verstand teilweise nicht akzeptieren kann, fühle ich mich im Herzen den Konsequenzen dieses Glaubens umso mehr verbunden und verpflichtet. Den Verstand kann ich nicht manipulieren, er gehorcht eigenen Gesetzen, die dem Willen nur bedingt unterworfen sind. Das Handeln, die Lebensausrichtung, die Ziele, die kann ich vom Willen her mehr oder weniger frei wählen. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass, wenn Gott Glauben von uns fordert, er von uns etwas erwartet, was wir mit dem Willen nicht leisten können, wozu wir einfach keine Entscheidungsfreiheit besitzen. Daher nehme ich an, soweit ich als Mensch überhaupt etwas über die Gedanken Gottes sagen kann, dass er hiermit unser Handeln fordert, unsere Hingabe, unsere Lebensausrichtung, nicht aber ein bestimmtes Urteil unseres Verstandes.

Wenn ich nach Zeugnissen über Gott suche, greife ich naturgemäß zur Bibel, nach dem Alten Testament ebenso wie nach dem Neuen Testament. Wenn auch diese Schriften von Menschen niedergeschrieben wurden, so scheinen mir diese Schriften dem Geheimnis "Gott" doch am nächsten zu kommen. Hierbei suche ich nicht nach Erkenntnissen für den Verstand, sondern nach einer Beziehung zu Gott, zu der Welt, zu den Menschen und zu mir, die letztlich mein Leben oder doch wesentliche Teile desselben prägt.

Doch ich will mit der Vorgeschichte beginnen, ohne die einiges unverständlich bliebe, der Zeit, in der ich noch keine Anfechtung meines Glaubens kannte, andererseits aber, so wie ich es heute sehe, den tieferen Sinn des Glaubens ebenfalls nicht begriffen hatte.